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CD der Woche: Low : Dieser Urinbecher überdauert uns alle

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Just Make It Stop“ Bild: Zoran Orlic

Herzensmusik mit Harmoniegesang: Low feiern ihr zwanzigjähriges Bestehen und erweisen sich mit ihrem zehnten Album als eine der besten und beständigsten amerikanischen Independent-Bands.

          3 Min.

          Falls Popforscher in ferner Zukunft danach fragen sollten, welche Bands die besten und beständigsten der amerikanischen Independent-Musik des späten zwanzigsten und frühen 21. Jahrhunderts waren, dann wird das Werk von drei Ehepaaren ein guter Maßstab sein. Aus Krach, Kunst und Coolness speiste sich seit den Achtzigern das Schaffen von Kim Gordon und Thurston Moore bei Sonic Youth, aber nach der Trennung des Paars vor zwei Jahren scheint es erst einmal auch mit der Gruppe vorbei zu sein.

          Dagegen konnte man das auch seit den Achtzigern aktive Trio Yo La Tengo von Ira Kaplan und Georgia Hubley jüngst in phänomenaler Form live erleben, als die beiden und Bassist James McNew hierzulande zunächst den zurückgenommenen Ansatz des aktuellen Albums „Fade“ aufgriffen, um im zweiten Teil des Abends in ihren so popsinnigen wie gitarrenrauschenden Eklektizismus auszubrechen. Und als drittes Paar müssen unbedingt noch Mimi Parker und Alan Sparhawk genannt werden, die in diesem Jahr das zwanzigjährige Bestehen ihrer Band Low begehen und gleich im ersten Stück der schönen neuen Platte „The Invisible Way“ vorführen, was in ferner Zukunft beim Blick auf unsere Zeit schiefgehen kann.

          Zwei Mormonen aus Minnesota

          „Plastic Cup“ heißt dieser Dreiminüter zum Auftakt. Sparhawks reduziertes Gitarrenspiel und Parkers leichtes Trommelpatschen werden von Bassist Steve Garrington am Klavier begleitet. Sparhawk und Parker singen von einem Drogentest, und der Gedanke, dass der Becher für die Urinprobe uns alle überdauern wird, gibt dazu Anlass, über dessen Deutung in tausend Jahren nachzusinnen: „This must be the cup the king held every night, as he cried“. In den Deutern, die derart danebenliegen, ließen sich allerdings auch besserwisserische Fans, Verächter und Plattenkritiker erkennen, zumal das Lied recht abrupt und patzig endet: „Maybe you should go out and write your own damn song, and move on“.

          Sparhawk und Parker sind Mormonen; sie wuchsen im ländlichen Minnesota auf, kennen sich seit ihrer Kindheit und gründeten Low 1993. Im Trio mit wechselnden Bassisten gelang eine oft äußerst minimalistische, schwermütige, kurz vorm Stillstand scheinende, mit herrlichem Harmoniegesang berührende Herzensmusik, der mit dem Wort „Slowcore“ ein von der Band wenig geliebter Genrename anhängt und die bisweilen als Antwort auf den lauten Grunge der Neunziger galt. Dann wäre es wohl als gleichsam dialektische Geste zu werten, dass Low seit „The Great Destroyer“ (2005) ihre Platten ausgerechnet bei Sub Pop veröffentlichen, dem mit Gruppen wie Mudhoney und Nirvana prägenden Label des Grunge. Genrezuschreibungen entziehen sich Low ohnehin.

          Produziert von Jeff Tweedy

          Auf „The Great Destroyer“ fanden sie mit „Monkey“ und „California“ ja tatsächlich auch zu griffigen Rocknummern. Dem psychischen Zusammenbruch Sparhawks und der Absage einer Reihe von Auftritten folgten die schroffen, schleifenden und kratzigen Kriegslieder von „Drums And Guns“ (2007). Da rang einer mit der Gewalt in seinem Land, in seinem Glauben - und in sich selbst: David Kleijwegts Filmporträt der Band, „You May Need a Murderer“ (2008), dokumentiert Sparhawks Meditationen über die Möglichkeit, für seinen Glauben töten zu müssen. Nachdem Garrington eingestiegen war, erschien das wärmere Album „C’mon“ (2011). Weder von griffigem Rock noch von elektronischer Kratzigkeit wollte dieses Werk etwas wissen, das Low daheim in Duluth in einer ehemaligen Kirche eingespielt hatten.

          „The Invisible Way“ entstand im Chicagoer Studio der Überband Wilco, und deren Sänger Jeff Tweedy produzierte die wuchtig klingende Platte auch. Die prominenten Pianoparts hat Garrington zum Songwriting beigetragen, wobei erst einmal eine gewisse Skepsis Sparhawks zu überwinden war, die der Gitarrist in einem Interview auf die Formel „Real men don’t play the piano!“ brachte.

          Ein zweiter Unterschied ist, dass Mimi Parker öfter als sonst allein singt, nämlich bei fünf dieser elf anmutigen Songs, etwa beim Zweisamkeitsmantra „So Blue“ oder dem ungewohnt wortreichen, federnden Wahnsinnsüberwinder „Just Make It Stop“. Während das gravitätisch schleichende „Amethyst“ von Rückzug und Entfremdung erzählt, weichen in „Waiting“ Selbstmordgedanken einer Hoffnung, der „Holy Ghost“ und „Mother“ eine stark religiöse Note geben. Und wenn sich das tänzelnd einsetzende „On My Own“ nach gut zwei Minuten zum Gitarrenbritzler wandelt, darf Sparhawk ein wahrer Mann sein.

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