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CD der Woche: „Love Songs“ von Vanessa Paradis : Eine Frau von Weltmusik

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Love Song“ Bild: Universal

Die tonangebenden Damen des französischen Chansons dieser Tage haben große Namen, aber keine großen Stimmen. Vanessa Paradis hat ein neues Album veröffentlicht - und in Benjamin Biolay einen prominenten Mitstreiter gefunden.

          3 Min.

          Vanessa Paradis hat also ein neues Album veröffentlicht. Es heißt „Love Songs“ und ist, um es gleich zu sagen, wirklich schön geworden. Es enthält zwanzig Lieder, die mal heiter, mal melancholisch daherkommen und von nichts anderem erzählen als von der Liebe - einem Thema, mit dem sich zweifellos ein ganzer Sommer bestreiten lässt. Vanessa Paradis scheint damit voll und ganz zufrieden zu sein. Man habe, sagte sie unlängst, doch alles richtig gemacht, wenn man ein Album produziere, das die Leute gerne mit in die Ferien nehmen würden.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Selbst wenn man ihr Doppelalbum ein paarmal hört, will sich der Eindruck, dass dies eine Platte ist, wie sie nur Vanessa Paradis aufnehmen könnte, nicht recht einstellen. Je intensiver man sich damit beschäftigt, desto mehr stellt sich die Frage, welchen Anteil Paradis daran überhaupt hat. Wie schon zuvor hat sie sich auch bei „Love Songs“ auf die Fähigkeiten einiger prominenter Mitstreiter verlassen: Bei ihrem 1992 erschienenen Album „Vanessa Paradis“ hatte ihr Lenny Kravitz unter die Arme gegriffen, bei „Variations sur le même t’aime“ (1990) sogar Serge Gainsbourg. Jetzt ist es Benjamin Biolay.

          Allein trägt diese Stimme nicht

          Allein sieben Lieder des neues Albums stammen aus seiner Feder. Außerdem zeichnet er für die Produktion der Platte verantwortlich, und wer mit dem Werk dieses gerade vierzig Jahre alten französischen Chansonniers vertraut ist, der erkennt seine Handschrift sofort. Biolays letzte Alben, vor allem „Vengeance“ (2012), waren stilistisch sehr verspielt. Er bediente sich hemmungslos beim Soul, Blues und Hiphop, und genauso hat er es nun wieder gemacht. Es hieß schon, man habe es bei „Love Songs“ mit „Weltmusik“ zu tun. Tatsächlich finden sich hier auch Spuren von Tango (in dem unverzagten „Le rempart“), Achtziger-Jahre-Diskomusik („Love Song“) und von Funk. Der ausgiebige Einsatz von Streichinstrumenten und Bläsern verleiht einigen Songs einen elegischen Unterton, andere werden von Percussions in überwiegend heitere Rhythmen gelullt.

          Gesungen wird auf Englisch, Französisch und Italienisch, komponiert wurden die Lieder, außer von Biolay, von Mickaël Furnon, Mathieu Boogaerts, François Villevieille, Carl Barât, Adrien Gallo und Ben Ricour - und damit wären wir wieder am Anfang: Was hat Vanessa Paradis mit alldem zu tun? Sie singt. Und sie hat die Stücke ausgewählt, die ihr verschiedene Musiker angeboten haben. Aber wenn es um die Musik als solche geht, dann fällt ihr Beitrag bescheiden aus. Das ist, hört man sich um, was derzeit noch auf dem französischen Chanson-Markt passiert, nicht ungewöhnlich. Dieses Album spiegelt vielmehr eine Tendenz wider, die seit einigen Jahren für das Genre zu beobachten ist: Der zunehmende Einfluss amerikanisch und angelsächsisch geprägter Musik hat schleichend dazu geführt, dass die Stimme, also das, was traditionell immer im Zentrum der französischen Chansonkultur stand, an Bedeutung eingebüßt hat. Sie ist zwar nach wie vor wichtig; weil aber die Instrumentierungen um die Stimme herum so aufwendig und eigenständig geworden sind, schränken sie deren Gewicht doch erheblich ein. Das kommt jemandem wie Vanessa Paradis zweifellos entgegen. Nicht etwa, weil sie eine schlechte Stimme hätte. Im Gegenteil, die ist erstaunlich variabel, mitunter rauh, zuweilen sinnlich, immer wieder auch kleinmädchenhaft dünn. Doch sie ist nur selten so voll und so sicher in allen Lagen, dass man ihr auch zutrauen würde, ein Chanson allein mit ihrem Gesang tragen zu können.

          Das ist alles schon sehr gut

          Ihre Platte bewegt sich gesangstechnisch somit im Rahmen dessen, was man von einigen der tonangebenden Damen des französischen Chansons dieser Tage gewohnt ist: von Carla Bruni, die vor ein paar Wochen erst ihre „Little french songs“ veröffentlicht hat, von Charlotte Gainsbourg oder auch von Lou Douillon, deren erstes Album vor kurzem erschienen ist - alles große Namen, aber keine großen Stimmen.

          Trotzdem, und das ist das eigentlich Bemerkenswerte, hört man die Alben dieser Frauen gern. Denn sie sind stilsicher, heiter, bisweilen frivol und vor allem sehr gut produziert. Und darin liegt auch das Erfolgsgeheimnis von Vanessa Paradis’ „Love Songs“ - Benjamin Biolay hat hier ganze Arbeit geleistet. Wie durch sein Arrangement der Rhythmus auf diesem Doppelalbum immer wieder an Fahrt aufnimmt, um dann kurzzeitig im Blues des balladenhaften „Rocking Chair“ zu schwelgen; wie er in „Tu pars comme on revient“ mit sphärischen Klängen und in „The Dark, it Comes“ mit leichten Dissonanzen experimentiert, um sich im nächsten Atemzug wieder voll auf die Sprachkraft von „C’est quoi?“ zu verlassen, dessen Text in seiner schlichten Eleganz von Ferne an die Gedichte von Erich Fried erinnert; und wie er schließlich das Thema, um das hier alles kreist, in einer Weise auszuschöpfen versteht, die Paradis’ Status als Popstar ins musikalische Kalkül einbezieht - das ist alles schon sehr gut.

          Wer's glaubt, kommt nicht besonders weit

          Vanessa Paradis wurde natürlich schon gefragt, wie persönlich man ihre Musik denn nehmen dürfe - die Trennung von Johnny Depp ist ja noch relativ frisch. Auch wenn sie, anders als etwa Carla Bruni, ihr Privatleben stets aus der Öffentlichkeit rausgehalten hat, kann man jetzt gar nicht anders, als ihr neues Album auf Privatspuren hin abzusuchen. Immerhin hatte Vanessa Paradis sich ganz in ihr Familienleben zurückgezogen und sechs Jahre lang keine neuen Lieder veröffentlicht.

          Die Songauswahl, die sie nun getroffen hat, scheint diesem erwartbaren Voyeurismus allerdings nicht entgegenzutreten, sondern mit ihm zu spielen. Ihre Texte bleiben ambivalent und eröffnen Interpretationsspielräume in alle Richtungen. Derweil versichert Vanessa Paradis gebetsmühlenartig, dass sie sich bei all diesen Liebesliedern gar nichts gedacht habe, es habe sich einfach so ergeben. Wer’s glaubt, kommt auch hier nicht besonders weit.

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