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CD der Woche: Lou Reed und Metallica : Noch lange nicht so entsetzlich wie Sie!

Bild: Mercury (Universal)

Rock-Edelgreis trifft Heavy-Metal-Steinbeißer: Lou Reed hat mit Metallica eine Platte namens „Lulu“ aufgenommen.

          Fachhochschule für städtebauliche Angstanfälle, Unterrichtseinheit „Abgewrackter Urbanismus“, es doziert Honorarprofessor Dr. Lou Reed. Verglichen werden diesmal: Berlin zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende (beziehungsweise des Expressionismus) und heute. Da haben wir also einerseits, damals, die Welt der Schmuddelkneipen, grauen Arbeiter-Mietskasernen und des Frank Wedekind, Dichter der Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, aus deren Stoffcorpus man seinerzeit das Drehbuch für einen unschlagbaren Stummfilm mit Louise Brooks namens „Die Büchse der Pandora“ und die Handlung für eine vom Komponisten nie ganz fertiggestellte Alban-Berg-Oper („Lulu“) exzerpiert hat. Und andererseits, heute, einen Haufen fettfreier Croissants und Internet-Hot-Spots, in deren ungesunder Mitte Louise Brooks auf einmal Franka Potente heißt. Wie, wer war Louise Brooks? Das wisst ihr nicht, Kinder? Wozu studiert ihr denn dann überhaupt? Louise Brooks sah genau so aus, wie Lou Reed sich seit etwa vierzig Jahren fühlt: auf sagenhaft schwule Weise lesbisch.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dr. Reed gerät ins Schwärmen: Abgeschnittene sekundäre Geschlechtsmerkmale, Licht und Schatten, Kinski, feuchter Asphalt, klirrende Gitarrensaiten. Was der alles weiß! Und er vermittelt es mit Musik, wie nett. Wenn also dieser verwitterte Knarzkater etwa den Bauwerksnamen „Brandenburg Gate“ zu „Brandenburg Gay-ay-ay-ate“ zersingt, dann wird einem schlagartig klar, dass die Stadt, in der das gemeinte Tor steht und von der Reed aus biographisch-musikalischen Gründen (die Platte, die hier rezensiert wird, erinnert an nichts aus seinem Gesamtwerk so sehr wie ans 1973er Album „Berlin“) mehr versteht als die meisten, seit dem Fall der Mauer tatsächlich nicht mehr existiert. Schade eigentlich. Aber gruslig-läppische Enzyme wie die Piratenpartei, rot-roter Opportunismus, kreative Theatertrottel und Galeriensträflinge zersetzen sie nun mal täglich ärger. Zusammengehalten wird sie nur noch von Liebenden aus Köln, Frankfurt, Lichterfelde, Zehlendorf, Weimar und Konstanz, die einander hier kennen und mögen gelernt haben.

          „Lulu“ von Lou Reed und Metallica ist diesen Menschen ein Brautgeschenk; die wärmste Kuschelrockplatte aller Zeiten. Das ist als Kompliment gedacht. Denn wie hätte der weltberühmte New Yorker Dekadenzkanzler sonst jemals wieder triftig vom schummrigsten, notwendigsten und anstrengendsten aller Gefühle singen können, wenn nicht mit Unterstützung von vier anlehnungsbedürftigen und nach ochsenblutverdünntem Blindschleichenschnaps müffelnden Schrottplatzhunden aus Kalifornien?

          Das letzte Stück der Kollaboration, „Junior Dad“ – es währt ungeheuerliche, vollständig altmodische neunzehn Minuten und neunundzwanzig Sekunden lang – will buchstäblich geküsst werden, gehalten und geborgen und verdient sich das redlich. Es beginnt mit fühlenden Bauchfellzotteln, die aus Onkel Reeds seinsberuhigter Leibesmitte hervorbrummen: „Mhhhmmmhh... would you come to me...if I was half drowning... mmhhh“. Lars Ulrichs diskreter Schlagzeugtritt, der äußerst höflich einsetzt, stampft kaum, sondern schubst den Sänger freundschaftlich ins Gitterwerk aus wasserblauen Gitarrenlinien im gefrorenen Hallraum. Der Sänger singt brav: „Would you pull me up..is it unfair to ask you... huhuu... help pull me up.“

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