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CD der Woche: Lady Gaga : Mit Judas im Whirlpool

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Born This Way ˝ Bild: Interscope Records

Ist das eine geniale Verquirlung kunsthistorischer und popkultureller Referenzen oder bloß ikonografischer Irrsinn? Lady Gaga, die gegenwärtig erfolgreichste Popmusikerin der Welt, veröffentlicht ihr neues Album „Born this Way“.

          „Ich will eine Maschine sein.“ Der Satz stammt von Andy Warhol, aber er gehört auch ins Repertoire von Lady Gaga. „Ich bin ein Android“, hat die gegenwärtig erfolgreichste Popmusikerin der Welt einmal gesagt, „auf die Erde gekommen, die menschliche Kultur zu infiltrieren, eine Paillette nach der anderen.“

          Eine Maschine sind wir mittlerweile alle, wenn man unsere Existenz als Summe digitaler Daten im Internet begreift. Google und Facebook können aufgrund unserer Bewegungen im Netz Vorhersagen treffen, die man früher dem Allmächtigen vorbehalten hätte: Was sein wird, was geschehen muss, was wir wo und wie tun werden - in den Algorithmen der Such- und Kontaktmaschinen ist unser Dasein aufgehoben.

          Die größte Garderobenschauspielerin der Postmoderne

          Haben chinesische Jugendliche deshalb das SMS-Kürzel „OMG“ für „O my god!“ durch „OML“ - „Oh my Lady Gaga!“ - ersetzt? Das Schicksal ist heute eine Idee aus Bits und Bytes und Lady Gaga seine Vestalin. Und sie rekrutiert Heerscharen: fünf Millionen Downloads der neuen Single in nur fünf Tagen. Zehn Millionen Followers bei Twitter. 1,5 Milliarden Klicks für ihre Videos. Diese Zahlen sind erhaben, Schrecken und Ergriffenheit fallen in ihnen zusammen. 1,5 Milliarden: Man spricht diese Ziffer aus und hat ein Mantra für die Gesellschaft im Angesicht ihrer Entschlüsselung im Netz. 1,5 Milliarden, das sind nicht mehr irgendwelche Zielgruppen, irgendwelche Teenager, irgendwelche Fans. 1,5 Milliarden: Das sind wir. Und jetzt, da das neue Album „Born this Way“ zu haben ist, wird die Kommunion im Zeichen des Pop noch inniger, noch umfassender sein.

          Die menschliche Kultur infiltrieren, „Paillette für Paillette“. Das heißt auch: die anthropologischen Konstanten mit Design zu ändern. Veränderung kommt schon lange nicht mehr von innen, dass die Wahrheit in der Maske liegt, weiß man seit Oscar Wilde. Was hätte der englische Dandy für einen Spaß an dieser Exzentrikerin gehabt, denn Lady Gaga ist die im Wortsinn größte Garderobenschauspielerin, die die Postmoderne bislang gesehen hat.

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          Weil sich aber auch ein Avatar am wirkungsvollsten in der Verkleidung enthüllt, haben die Gestaltungsexzesse der Musikerin einen eigenen modischen Kanon hervorgebracht: Roben aus Glasscherben und Metallstangen, Feuer speiende Büstenhalter, Haarkreationen in Form eines Telefons - das sind Kreationen aus dem Geiste Marcel Duchamps. Das legendäre Fleischfetzendress - der Stoff gewordene Albtraum von Jonathan Safran Foer - ist für H&M-Filialen nicht verwertbar. Diese Mode sagt: Mode ist Schwachsinn, sie ergibt nur in ihrer Parodie Sinn. Und der Sinn liegt im Spaß, in der Überraschung, oder, mit einem wahrnehmungsästhetischen Begriff gesagt: in der Plötzlichkeit.

          Das gilt auch für die neuen, das Album begleitenden Performances. Im Video zu „Judas“ ist Lady Gaga nacheinander Rockerbraut, Marie Antoinette und Maria Magdalena. Ihre Mitspieler sind Jesus und Judas, beides sublimierte Hells Angels mit Modelgesichtern. Das Ganze endet als dialektisches Schaumbad zu dritt, die Aussöhnung von Gut und Böse mit den Mitteln des Whirlpools.

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