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CD der Woche: Jochen Distelmeyer : Einsamkeit ist keine Kunst

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Lass Uns Liebe Sein˝ Bild: Dorle Bahlburg

Jochen Distelmeyer legt nun, nach dem Ende der Band Blumfeld, seine erste Soloplatte vor. Der Hassprediger prekärer Verhältnisse hat nichts von seinem Elan verloren, und lässt das Leichte ganz schwer aussehen.

          3 Min.

          Bei allen Blumfeld-Alben seit „Old Nobody“ von 1999 erging es mir ähnlich. Nach dem ersten, zweiten und auch noch nach dem zehnten Hören dachte ich: Das geht wirklich nicht mehr. Nun ist er endgültig zu weit gegangen. Der spontane Schäm-Impuls von „Tausend Tränen tief“, einem Lied wie von der Münchner Freiheit, süßlich und verzuckert wie achtziger Lollipopmusik, wiederholte sich bei jeder neuen Platte. Ebenso stellte sich aber jedes Mal auch der Erziehungseffekt ein. Ungefähr nach dem elften Hören dachte ich dann: „Warum denn nicht? Ist doch eigentlich schön.“ Und im Abstand von einem Jahr, beim Warten aufs nächste Album: „Das gehört ja so und kann gar nicht anders klingen.“ Vor etwa einem Jahr habe ich den berüchtigten „Apfelmann“ erstmals als Klassiker begriffen.

          Im tiefsten Kern, gut verborgen unter den Tränen und dem Lächeln und dem Groll, verfolgte Jochen Distelmeyer ein pädagogisches, ein musikerzieherisches Projekt. „Mein System kennt keine Grenzen“, noch so ein erst einmal peinlicher Song, brachte es auf den Begriff: Tatsächlich liegt die Bedeutung von Blumfeld in dieser ständigen Erweiterung der Grenzen des Erlaubten unter den Vorzeichen einer alternativen, kritischen Popmusik.

          Romantischer Aufbruch

          So ist das Neue an seiner ersten Solo-Platte nach der Auflösung der Band, dass Distelmeyer uns nicht mehr belehren will. An diese Platte muss man sich nicht gewöhnen, sie ist unerwartet erwartbar. Wer „Verbotene Früchte“, das letzte, naturlyrische Blumfeld-Album goutierte, für den ist „Heavy“ leichte Kost. Vier rumplig-rockige und fünf sanft-poppige Stücke sind darauf, zuzüglich des kurzen Intros „Regen“, in dem Distelmeyer ganz auf Begleitung verzichtet und allein den unverwechselbaren Manierismen seines Gesangs vertraut. Doch auch das ist für Blumfeld-Verhältnisse nicht sonderlich gewagt. „Lass uns Liebe sein“, die erste Single, ist ein offenes Selbst-Zitat, ein Mix aus „Status Quo Vadis“, „Eintragung ins Nichts“ und „Wir sind frei“, auch textlich: „All das stille Sehnen tief in uns/Einsamsein ist keine Kunst/ich weiß, für mich muss es Liebe sein“.

          Da atmet Distelmeyer wieder den Hauch der Romantik und besingt den Traum der Wiedervereinigung von Natur und Geist, Individuum und Gesellschaft durch die Kraft der Liebe. Die Bastion des privaten Glücks, der Kinder- und Wolkenspiele muss jedoch Ausbruchsversuche gegen die sie belagernde Gesellschaft unternehmen. „Wohin mit dem Hass?“, ein rüstiger Old-School-Bluesrock am Anfang des Albums, gibt nur scheinbar eine neue Richtung vor: „Kennst du die Reichen und Mächtigen? Lass ihre Wagen brennen“ - auch hier wird der rüde antikapitalistische Klartext aus „Testament der Angst“ und „Jenseits von Jedem“ ins Extrem und in den Extremismus weitergetrieben.

          Was als eindeutige Handlungsanweisung daherkommt, ist bei genauer Betrachtung ein ironischer Kommentar zu politischen Ventilfunktion des Politpop: „Wohin mit dem Neid, all dem Hohn und Spott, / dem Neid, mit dem ihr mich betrachtet?/Alles was ihr wisst, ich bin nicht wie ihr./Und so wird es immer sein.“ Das Sprachrohr der Armen und Ohnmächtigen gehört selbst zur anderen Seite. „Also gebt mir euren Hass und seht mir zu,/wie ich ihn für euch verwandle/wenn ich fertig bin, lass ich euch in Ruh' - alleine mit eurem Hass“. Aus der Aggression wird Kunst, die doch alle Verhältnisse unverrückt lässt.

          Im Kreis der neuen Bürgerlichkeit

          Dieses Solowerk ist also stilistisch zerrissener als die letzten Blumfeld-Alben, so als fehlte das Gegengewicht der Band, um die Ausschläge des dialektischen Pendels abzudämpfen. So geht es hin und her zwischen Liebes- und Abschiedsliedern (wie dem grausam ernüchterten „Bleiben oder Gehen“ und dem schönen „Jenfeld Mädchen“) und alarmistischen Stichworten zur Zeit wie dem an die tapferen BAP erinnernden „Hinter der Musik“. Das klingt wie ein Soundtrack zur Spiegel-TV-Reportage über jugendliche Intensivtäter: „Amoklauf und Komasaufen/unterm schlechten Stern“.

          Ein narrativer Bogen überspannt das Album dann doch. Heißt es zu Beginn noch: „Ich bin nicht weit gekommen/immer noch auf meinem Weg zu dir“, so zeigt der letzte Song einen ganz im neubürgerlichen Alltag, in Familie und Freundeskreis Ruhenden: „Und ich bin am Ziel,/weiß, was ich will und brauch' nicht viel,/nur zusehen, wie die Kinder spiel'n /und über uns den Zeppelin.“ Der Artist lässt das Schwere ganz leicht aussehen; bei Distelmeyer nimmt das Leichte und Spielerische nur für einen trügerischen Moment die Gestalt des Schweren an: „Ein Elefant als Luftballon / ich leb' dafür und leb' davon / am Ende ist es nur ein Song, / und ich flieg davon -/zu dir“.

          Was „heavy“ klingt, bedeutungsschwer und tief im Wasser liegend, sind einfach nur die Lieder, die in allen Dingen schlafen.

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