https://www.faz.net/-gsd-12ym5

CD der Woche: Jason Lytle : Montana sendet wieder

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Yours Truly, The Commuter “ Bild: Anti

Der ehemalige Grandaddy-Chef Jason Lytle hat sich tief zurückgezogen in die Bergeinsamkeit Montanas. Von dort aus sendet er elegische Entfremdungslieder, die Natur und Technik auf höherer Ebene gleichzeitig umarmen wollen.

          Es gab eine Zeit, etwa Mitte der neunziger Jahre, da war Indie-Rock ein großes Versprechen. Neben den bei aller Ironie etwas bierzelthaften College- und Punk-Rock-Bands wie Weezer oder Green Day, den Ausläufern der Grunge-Welle und der beginnenden Retro-Manie in Großbritannien waren es Bands wie Grandaddy aus Kalifornien, die mit einem experimentellen und doch eingängigen Sound der Rockmusik neue Wege wiesen. „A.M.180“ war so ein Song, der mit seiner ohrwurmartigen, verträumten Spieluhrmelodie und einem schneidig-scharfen Rhythmusgitarrenklang die Fenster muffiger Probenräume sperrangelweit aufriss.

          Was da hereinleuchtete, war aber nicht die weite Natur gängiger Americana, sondern eine postapokalyptische, verstrahlte Landschaft, ein bis zum Horizont reichender Blick auf Halden von Zivilisationsmüll, ausrangierten Accessoires modernen Lebensstils und funktionslos gewordener Technik. Auf Alben wie „Under the Western Freeway“ (1997), „The Sophware Slump“ (2000) und „Sumday“ perfektionierte die Band um den vollbärtigen Ober-Freak Jason Lytle einen elegischen Rückblick auf das technische Zeitalter, das allerdings die nicht überhörende Bedingung ihres Stils war. Denn Grandaddys Lo-Fi-Ästhetik war immer Resultat ausgefeilter Studioarbeit, einer mitunter bombastischen Überproduktion wie aus der seligen Zeit des Electric Light Orchestra, wo es überall fiept und piept und klingelt.

          Heimatlieder für mögliche Zuhörer

          „Now It's On“ war so ein Stück, das klang wie Jeff Lynne auf Drogen und das per Gitarrenkabel den Stromkreis zu einer höheren Einheit von Natur und Technik schließt, zu einer zweiten, durch Reflexion wiedergewonnenen Naivität und Unschuld. Doch merkwürdigerweise konnte die Band vom Revival freakigen, sperrigen Folks und introvertierter Psychedelica, dessen Vorreiter sie doch waren, nicht profitieren. Ihr letztes reguläres Album von 2006 wirkte uninspiriert und müde, und so löste sich die Band auf, zermürbt vom finanziell prekären Status des ewigen Geheimtipps. Lytle zog sich in die Bergeinsamkeit Montanas zurück, aus der er sich nun mit einem Album zurückmeldet.

          Ungewohnte oder überraschende Klänge sind auf „Yours Truly, The Commuter“ nicht zu hören; Lytle spitzt in seinem Songwriting die Neigung zu einfachen, schlagerhaft simplen Melodien weiter zu. Mit seiner sanften, schmeichelnden Stimme ist man mitunter nahe bei Barclay James Harvest und Spießgesellen, doch der latent autoaggressive Drang, alle Regler bis zum Anschlag aufzudrehen, rettet Stücke wie „Ghost of My Old Dog“ ins Wahnsinnige. Irgendwo schleicht sich in jedes Arrangement ein verstörendes Bruzzeln oder Sägen ein, das selbst ein süßliches Streicherarrangement wie in „Birds Encouraged Him“ erträglich macht. Der mit Selbstmord kokettierenden Depression folgt übergangslos der manische Indie-Rocker „It's the Weekend“, der praktisch ohne Text auskommt.

          Wie ein durchgebrannter Störsender, der Heimatlieder funkt, sendet Lytle aus seiner Eremitage stoisch Elegien der Einsamkeit in eine Welt, in der möglicherweise zufällig noch ein paar Antennen auf Empfang sind. Ob überhaupt noch Menschen zuhören oder die Berge und Maschinen schon unter sich sind, das lassen diese Lieder offen.

          Weitere Themen

          Richtige Musik an richtigen Orten

          Pilgerreise ins Bach-Land : Richtige Musik an richtigen Orten

          Seit Hans-Christoph Rademann die Leitung der Bach-Akademie Stuttgart übernahm, hat er die Gaechinger Cantorey klanglich völlig umgekrempelt. Jetzt reiste das Ensemble durch die Lebensorte von Johann Sebastian Bach in Thüringen.

          Topmeldungen

          Das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York

          Vereinigte Staaten : Zwei kubanische UN-Diplomaten ausgewiesen

          Kurz vor der UN-Vollversammlung hat Amerika zwei Vertreter Kubas ausgewiesen. Deren Aktionen seien laut Außenministerium gegen die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten gerichtet gewesen. Kuba spricht von Verleumdung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.