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CD der Woche: Jarvis Cocker : Du willst leiden? Geh in eine Rock-Show!

  • -Aktualisiert am

Es steht nicht gut um die Ironie im Pop. Zeit, dass Jarvis Cocker das Stilmittel wieder auf intellektuelles Format bringt. In „Further Complications“ würzt er funkensprühenden Kneipenrock mit fein dosierter Ironie - und versöhnt dabei Rock und Massengeschmack.

          3 Min.

          „Irony is over“, murmelte Jarvis Cocker vor zwölf Jahren am Ende des Songs „The Day After The Revolution“ vom Pulp-Album „This Is Hardcore“. Es ist einer seiner berühmtesten Slogans - und wahrscheinlich die ironischste Zeile, die er je geschrieben hat. Wann immer Jarvis Cocker, inzwischen fünfundvierzig, in Erscheinung tritt, fällt erst auf, wie öde die Zeit ohne ihn war und wie schlimm es war, als während seiner Abwesenheit wirklich Schluss war mit der hohen Kunst der Ironie und wieder die albernen Clowns und die selbstbesoffenen Pathetiker am Ruder waren.

          Selbst Morrissey-Alben vermochten in jenen Zeiten kaum zu trösten: Im Direktvergleich ist der ehemalige Smiths-Sänger dann doch nur eine selbstsüchtige, beleidigte Tante.

          Feinsinniger Pop-Schnösel

          Nein, es steht nicht gut um die Ironie im Pop, was vor allem daran liegt, dass die meisten, die sich dieses Stilmittels zu bedienen glauben, es immer noch als ein Werkzeug zur Distanzierung von allem und jedem begreifen. Dabei handelt es sich doch vielmehr um eine schwer zu handhabende Waffe, mit der man, gekonnt eingesetzt, jeden Quatsch bloßlegen kann; eine Waffe wohlgemerkt, deren Einsatz man nur in der Verteidigung lernen kann. Und verteidigen musste sich der dürre, vaterlos aufgewachsene Schlaks und Brillenträger Jarvis Cocker schon früh. Die zwangsläufig kultivierte Außenseiter-Rolle als kunstsinniger Pop-Schnösel lebte er bei Pulp in dermaßen vielschichtiger und kluger Musik aus, dass der gesamte restliche Neunziger-Jahre-Britpop dagegen wie ein großes Wildlederschuhweitwerfen vor Union-Jack Beflaggung wirkte.

          Nachdem Cocker die Aktivitäten mit Pulp 2002 eingestellt hatte, versuchte er sein Image als neunmalkluger Dandy zu brechen, indem er sich vorübergehend den Künstlernamen Darren Spooner zulegte und mit schwarz geschminktem Gesicht und als Skelett kostümiert mit dem Elektro-Gothic-Duo Relaxed Muscle auftrat - ein Schritt, der für Cocker möglicherweise einen erwünschten Bruch erzeugt hat, seinen Ruf als unvorhersehbarer Spinner jedoch nur noch mehr gefestigt haben dürfte. Danach hörte man eine Weile nichts von ihm. Cocker hatte geheiratet und war nach Paris gezogen.

          Bloß keine Ironie!

          Erst 2006 erschien sein erstes offizielles Soloalbum „Jarvis“, auf dem er sich mit herrlichem Orchideenzüchterpop als klassischer englischer Exzentriker präsentierte und über dicke Kinder, christliche Riten, üble Lebensgefährten und noch üblere Politiker sang. Inzwischen trägt er einen Bart, den er sich auf einer ganz und gar unironischen Reise mit zahlreichen anderen Künstlern und Wissenschaftlern nach Westgrönland hat wachsen lassen.

          „Further Complications“ heißt nun die zweite Platte. Der elegante, oft üppige Gewächshaus-Pop des letzten Albums ist pumpender, zupackender Rock-Musik gewichen; Früh-Siebziger-Rock wohlgemerkt, der Elemente von Glam, Mod Musik und Pubrock zusammenführt. Prä-Doppelhalsgitarren-Rock, wenn man so möchte. Produziert hat passenderweise der große No-Nonsense-Anti-Produzent Steve Albini, dessen größte Leistung sicherlich die frühen Pixies-Platten waren.

          Nichts an diesen Songs ist schwartig oder zu dick aufgetragen. Und es ist auch nichts ironisch - nicht an der Musik. Weder mit Pulp noch solo hat Cocker sich an der Neuerfindung der Popmusik versucht; er war vielmehr immer ein Inszenator: Die Kunst des Performers und Musikers bestand in der Inszenierung seiner hibbeligen, neurotischen Kunstfigur vor dem Hintergrund des jeweiligen Genres.

          Unpeinliche Rock-Platte mit Massenappeal

          Nie wirkte er dabei so virtuos wie bei dem funkensprühenden Kneipenrock auf „Further Complications“: Mit dem kleinen Finger dirigiert er die Band durch Laut/Leise-Schwankungen, fährt die Songs mit seiner spitzen, aber ausdrucksprallen Stimme hoch und reißt sie wieder zu Boden. Interessant, dass erst jemand wie er kommen musste, um mal wieder eine unpeinliche Rock-Platte mit Massenappeal hinzubekommen.

          Der Kniff sind natürlich die Texte - und hier hat sie dann auch wieder freien Ausritt, die große alte Dame Ironie. Der Titelsong feiert das Leben als große Party der Probleme: Er sei nicht in Armut geboren, also benötige er irgendein Betrübnis, am besten eine Abhängigkeit, um seine Persönlichkeit zu kultivieren. Und wo das domestizierte Leid am besten gedeiht, weiß Cocker natürlich auch: „You want to suffer? Go to a Rock Show“.

          Am besten aber ist er, wenn er in die Niederungen zwischenmenschlicher Missverständnisse hinabsteigt, in die Vorhölle von Liebe und Lust: „He says that he wants to make love to you/But instead of ,to‘ shouldn't that be 'with‘?“, fragt er in „Leftovers“. Und bei keinem macht es so viel Spaß wie bei Jarvis Cocker, wenn er von sich im gleichnamigen Song behauptet „I Never Said I Was Deep“ und den sexsüchtigen Beschränkten spielt: „My lack of knowledge is vast/and my horizons are narrow“. Selbstironie, die sich nicht in Koketterie erschöpft, ist doch immer noch die schönste Form der Ironie.

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