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CD der Woche: Jack White : Seine hyperkritischen Küsse

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Hypocritical Kiss“ Bild: Third Man Records

Der letzte Rockstar unserer Zeit: Jack White hat mit „Blunderbuss“ ein Album gemacht, das vor Kraft kaum spielen kann.

          Lebt denn der alte Rock’n’Roll eigentlich noch? Allzu stark scheint der Glaube an ihn nicht mehr zu sein. Bei jeder großen Platte, die ihn zurückbringt, mischt sich in die Würdigung der Musik etwas Abgesangshaftes, das sich auch dem Bewusstsein verdanken mag, Rockmusik in seiner herkömmlichen Form könne und dürfe es heute eigentlich gar nicht mehr geben.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Trägt Jack White deswegen auf dem Coverfoto einen Geier auf seiner rechten Schulter? „Blunderbuss“ ist nur bedingt eine große Platte. Allzu deutlich ist ihr der Wille abzulauschen, dem Rock’n’Roll noch einmal Leben einzuhauchen und ihn dabei in seine Bestandteile zu zerlegen. Dies tut Jack White allerdings mit einer solchen Entschlossenheit, dass man zunächst nicht weiß, was man sagen und mehr bewundern soll: die Virtuosität, mit der er jedes Untergenre – ob Country, Blues oder eben auch Heavy Metal – bedient und die mehr ist als bloße Fingerfertigkeit; oder die Tatsache, dass er so etwas gewissermaßen zum Zeitvertreib tut? Wie man hört, lagen, als eine gemeinsame Aufnahmesession mit dem Hip-Hop-Musiker RZA platzte, gerade diese paar Songs herum, so dass…

          Die Nonchalance, mit der Jack White so etwas erzählt, und die scheinbare Mühelosigkeit, mit der er seine beängstigend vielen Ideen verwirklicht, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Musikmachen für ihn in erster Linie harte Arbeit bedeutet. Wer vor Jahren die Gitarristenstudie „It Might Get Loud“ mit ihm, Jimmy Page und The Edge gesehen hat, wird einen jungen Mann in Erinnerung haben, für den Wörter wie „Ehrgeiz“ und „Konkurrenz“ viel zu schwach sind und der in aller Angriffslust ganz offen behauptete, Musizieren bedeute für ihn so etwas wie Krieg.

          Das hört man jetzt wieder. Auch dieses gute Dutzend Songs zerbirst manchmal unter einem Hochdruck, wie man ihn sonst nur von diesen Supergruppen kennt, früher von West, Bruce&Laing zum Beispiel, in heutiger Zeit von den Raconteurs oder Dead Weather, wobei letztere beiden ja ebenfalls Jack-White-Projekte sind. Deswegen stimmt es im Grunde auch nicht, dass „Blunderbuss“ nun seine erste reguläre Soloplatte ist – auf welcher Aufnahme, bei der er seine blutigen Finger im Spiel hatte, wäre sein Einfluss in Form von Songwriting, Instrumentenbedienung und Produktion nicht dominierend gewesen?

          Schon bevor er die White Stripes aufgelöst hat, ist Jack White mit eigenem Studio und eigenem Label zum wohl wichtigsten, tief in den Mainstream hineinwirkenden Rockmusiker geworden, dessen Wirkungsmacht größer ist als der seiner gleichfalls nicht gerade unproduktiven Altersgenossen Ryan Adams und Conor Oberst zusammen. Ob es darum geht, harten, extrem ruppigen, fast schon unhörbaren Rock zu machen oder schönen, älteren und jüngeren Damen wie Loretta Lynn und Norah Jones kavaliersmäßig unter die Arme zu greifen – in der Regel kommt etwas dabei heraus, das irgendwie stimmig, ja, fast zwingend wirkt, wie etwas, das gar nicht anders klingen kann als eben so.

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