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CD der Woche: Iron & Wine : All diese schlaflosen Träumer

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Caught In The Briars“ Bild: AP

Vom Songwritertum zur Formfülle: Sam Beam alias Iron & Wine verkündet mit großer Geste das baldige Ende der Musik. Er selbst käme mit seinem neuen Album garantiert ins Museum.

          3 Min.

          In Santa Fe schaltet Gott höchstselbst die Ampeln. In South Carolina singen nackte Jungs den traurigsten Song. In Baton Rouge sagen die Leute „kleiner Engel“ zu dem Mädchen, das aus Birmingham verjagt wurde. Im kalten Milwaukee bleiben Wintergebete unerhört. Also besser nach Kalifornien? „California’s gonna kill you soon.“

          Mit all diesen Namen von Städten und Staaten führt Sam Beam auf „Ghost On Ghost“, seinem fünften Album, durch Amerika. Wer da aber den Atlas holen ginge, der hätte die Lieder missverstanden, denn sie setzen vor allem die faszinierende musikalische Reise fort, die Beam unter dem Künstlernamen Iron & Wine vor elf Jahren mit Heimaufnahmen zur Gitarre auf seinem Debüt „The Creek Drank The Cradle“ begann.

          Im Wissen um Beams Bruch mit seiner christlichen Erziehung mag man zwar biographische Bezüge hören, wenn er auf dem Debüt die Zeile „Mother I lost it, all of the fear of the Lord I was given“ singt; und vielleicht gibt es solche Bezüge auch für die Gescheiterte-Liebe-Lieder „Bird Stealing Bread“ und „Promising Light“. Doch „Southern Anthem“ oder der Ausklang „Muddy Hymnal“ erzählen bereits bildreiche Rätselgeschichten, in denen Jesus eine Bibel brennen lässt, ein mit der Gabel eingeritzter Name an der Kapellentür prangt und Kinder mit Holzknöpfen und einem Apfelkrotzen vor der Tavernentür gefunden werden.

          Breiter instrumentiert, aufwendiger inszeniert

          Anders gesagt: Obwohl auf dem noch ähnlich songwriterhaften Nachfolger „Our Endless Numbered Days“ (2004) ein Stück „Love and Some Verses“ hieß, war damit kein Strickmuster für das Werk von Iron & Wine benannt.

          Das Album „The Shepherd’s Dog“ (2007) war breiter instrumentiert und aufwendiger inszeniert. Klang bei „Resurrection Fern“ der zuvor gepflegte Folk-Ansatz nach, so brachten Beam und seine um Gäste wie Joey Burns (Calexico) und Paul Niehaus (Lambchop) ergänzte Band anderswo Bewegung in die Musik, deren Verweisnetz von der Westküste bis nach Afrika reichte - und die sich tatsächlich zu tanzen traute.

          „Kiss Each Other Clean“ (2011) knüpfte daran an, übte sich bei „The Tree by the River“ mit dem Einstieg „Maryanne, do you remember the tree by the river when we were seventeen?“ auch in Springsteen-Nostalgie und rahmte den starken Songreigen durch epische Aufzählungslieder über Wanderschaft (“Walking Far from Home“) und ewiges Werden (“Your Fake Name Is Good Enough for Me“).

          Ein protzig-güldener Bilderrahmen

          Sam Beam wuchs in South Carolina auf, hat Kunst und Film studiert, in Miami an der Universität gelehrt und lebt heute mit Frau und fünf Töchtern in Texas. Auf dem neuen Album begleiten ihn Könner wie Bob Dylans Bassist Tony Garnier und Jazz-Schlagzeuger Brian Blade. Als Mann für allerlei Tasteninstrumente ist abermals Rob Burger dabei, der zudem Streicher und Bläser arrangierte. Der Weg vom Songwritertum zu Formfülle und großer Geste hat Beam bisweilen den Verdacht des Nachstellens und Vorzeigenwollens eingebracht.

          Wie eine Antwort darauf wirkt der protzig-güldene Bilderrahmen auf dem Plattencover von „Ghost On Ghost“ - wenn schon Musealisierung, dann richtig. Im Rahmen ist ein Bild der Fotografin Barbara Crane zu sehen, das ein verschlungenes Paar an einer Wand zeigt. Crane hat aber nur den Hüftbereich aufgenommen, mit den engen Jeans, einem Schlüsselbund vor der Hosentasche, einem Arm unterm Oberteil, einer Hand an der Zigarette. Dem detailprall textenden und komponierenden Beam dürfte das gefallen haben.

          Das Bild passt auch zu den Paarvariationen der jazzgeprägten Platte. „It all came down to you and I“, resümiert Beam im sonnigen „Grace for Saints and Ramblers“, einem weiteren seiner Wimmelsongs: „There were sleepless dreamers / Doomsday preachers / The message and the messenger / The gun beneath the register“ - am Ende zählen aber nur wir beide. Die Worte „I came to you and you to me“ taumeln später zu fiebrigen Bläsern durch „Lovers’ Revolution“, wo die Revolution der Liebenden misslang, „but it started again“.

          Zwischen Ich und Du steht der halbseidene Neider im nachtglühenden Dreiecksdrama „Low Light Buddy of Mine“. Kein Ungemach droht dagegen beim Dankeshauch „Joy“; es ist „a heartfelt silly sort of bumbling tune about how you’re bringing me joy“, wie Beam mit sanftschöner Stimme schließt.

          Nach einer Dreiviertelstunde ist „Ghost On Ghost“ vorbei. Der Chor bei „Singers and the Endless Song“ verkündet, worüber man mit den Kindern reden werde. Auch darüber: „the end of the music coming way too soon“.

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