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CD der Woche: Helge Schneider : Lieber nach Duisburg ins Hallenbad

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Offenes Hemd“ Bild: Universal Music

Obacht, Gangnam Style! Helge Schneider schenkt uns ein Sommeralbum mit Easy-Listening-Touch, hinter dem sich aber seine vertraute Subversivität verbirgt.

          3 Min.

          Es werden viel zu wenige Liebeslieder für Frauen namens Jutta geschrieben. Helge Schneider ist mit „Offenes Hemd“ gleich eines der schönsten gelungen: „Ich sagte: Wie heißt du denn? Du sagtest: Jutta. Da war alles klar.“ Dann weht der Sommerwind durch Hemd und Haare, und eine leichtsinnige Flöte spielt dazu. Die Schrammelgitarre drängt nach Spanien, angeschlagen natürlich mit jenem nur vorgetäuschten Dilettantismus, den Helge Schneider so kunstvoll praktiziert wie kein anderer. Und der Text, der erst so sicher durch Schlagerterrain reitet, ist dann doch nicht ganz sattelfest: „Bitte komm zurück, du bist mein bestes Stück!“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Titelstück des neuen Albums „Sommer, Sonne, Kaktus“ jagt einem dagegen zunächst einen kleinen Schrecken ein, weil es wie eine etwas matte Selbstparodie der klassischen Schneideriana wirkt und wohl auch nicht nur ganz spaßhaft als „offizielle Fußballhymne für unser deutsches Team“ anempfohlen wird - so was geht bei Parolen wie „Never, never go to work, lieber Holiday“ und „A beautiful girl aufm Schoß, Paella in the Bauch“ dann schneller, als man denkt. Aber immerhin wird auch diese Easy-Listening-Nummer noch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „Sommer, Sonne, Kaktus - ach, wie wär’ das schön! / Doch leider hier in Duisburg muss ich ins Hallenbad geh’n.“ Und wie der Sänger dann anstelle eines James-Brownschen „Take it to the bridge!“ den folgenden Teil des Liedchenschemas mit dem euphorischen Ausruf „Illusion!“ einleitet, bevor die Singleauskopplung beim Wort „Kaktus“ einen Sprung in die Platte bekommt und abrupt aufhört, ist dann doch wieder großartig.

          Wenn dieses Sommerlied die Eintrittskarte für ein breiteres Publikum wäre, dann wäre das zudem ein sehr gelungener Coup - denn der Rest dieses Albums ist zu großen Teilen dann doch gewohnt subversiv. Es besteht zum größten Teil aus englischen Stücken, darunter ein wie mit verrutschtem Gebiss gesungenes „Mr. Bojangles“, jenes schöne Lied von Jerry Jeff Walker über einen alten Tap-Dancer. „Silver Hair, ragged shirt, baggy pants“: Das könnte inzwischen auch Helge Schneider sein, doch hat der vor einiger Zeit schon seinen lange bewährten Altkleider-Look gegen den des weltgewandten Reisenden getauscht - wohl auch, weil er sich, wie er jüngst in einem Interview sagte, in den vielen Bühnenjahren auf Plateauschuhen die Knie kaputtgemacht habe.

          Es folgen weitere englische Nummern wie Cole Porters „Love for Sale“, dann aber auch einige Schein-Lieder namens „Drinking Blues“ oder „To Be a Man (Extended Version)“, für die der Begriff der Skizze noch zu hoch gegriffen wäre. Die musikalische Leitidee ist dabei der Scat-Gesang, in dem sich Schneider ausgiebig versucht, einmal von der Schweineorgel unisono begleitet (“Scrubble di Bubble“). Einige dieser Stücke dienen gleichzeitig als Soundtrack für den im Oktober anlaufenden Kinofilm „00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse“. Zuletzt gibt es noch einmal Gebissverwicklungen bei der Gershwin-Nummer „It Ain’t Necessarily So“ aus dem Musical „Porgy and Bess“, weil die Artikulation des Worts „necessarily“ dem Sänger zunehmend Probleme bereitet.

          Gewollter Dilletantismus

          Aufgenommen wurde das Ganze angeblich in zwei Monaten von April bis Juni dieses Jahres, aber ebenso gut könnte es auch das Ergebnis einer Session von nur zwei Tagen sein, bei der jemand einfach mal das Mikrofon hingehalten hat - man sieht den Künstler und seine Band sich heimlich ins Fäustchen lachen über den Streich, den sie da der Plattenindustrie gespielt haben mit ihrem Minimalaufwand, auch etwa bei der Produktion eines Strandvideos zum Kaktuslied. Es erinnert an jene in einer einzigen Kamera-Einstellung gedrehten Beiträge aus Volksmusiksendungen im Fernsehen, bei denen die Interpreten langsam die Treppe vor einem Einkaufszentrum heruntergehen und zum Playback die Lippen bewegen.

          Bei den eigenen Stücken scheinen die Texte zur Zeit der Aufnahme noch nicht ganz festgestanden zu haben, so improvisiert wirken sie. Aber andererseits weiß man bei Helge Schneider dann doch nie, ob das wirklich „first takes“ sind oder sehr gut geplante Spontaneität.

          „Opa-Gander-Style“

          Wie dem auch sei, kommt der lustigste Einfall der Platte als Adaption eines der erfolgreichsten Pop-Songs der letzten Zeit daher, auch wenn man diese nicht sofort erkennt: Das Stück trägt den unverbesserlichen Titel „Nachtigall huh (Es zittert unser Haus, was ist nur draußen los?)“, und erst allmählich wird in diesem Schrammelblues deutlich, woher die darin besungenen Erschütterungen kommen. „Opa Gander“, kräht Helge Schneider immer wieder, „Opa-Gander-Style“, und während man sich noch fragt, wer dieser Opa ist, dämmert es langsam: „Obacht, Gangnam Style!“ Da tanzt wohl eine Horde Teenies zum Beat des südkoreanischen Rappers Psy und bringt die Bude zum Beben.

          Dass solche Späße inzwischen von einem führenden Musikkonzern vermarktet und auch mit allerlei unsinnigen Erklärtexten beworben werden, die den Sänger etwa als „Entertainment-Ikone“ bezeichnen, ist ein kleiner Triumph der Antimusik in der Mitte der Mainstream-Popkultur.

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