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CD der Woche: Get Well Soon : Roland, ich fühl’ dich

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Roland, I Feel You“ Bild: City Slang (Universal)

Schon der Doppeltitel des Albums mag jene schrecken, die bei Get Well Soon die Pathospanik packt. Wer allerdings bei „The Scarlet Beast O’Seven Heads“ zu früh aufgibt, verpasst eine tolle Plattte.

          Endzeit ist irgendwie immer. Dass Konstantin Gropper das neue Album von Get Well Soon zum einen „The Scarlet Beast O’Seven Heads“ genannt hat, erklärte er mit dem Bibelbezug auf das scharlachrote Tier mit sieben Häuptern in der Offenbarung des Johannes. Der Zweitname „La Bestia Scarlatta Con Sette Teste“ ist eine Hommage ans italienische Horrorkino der Siebziger, dessen Musik diesmal zu Groppers Inspirationsquellen zählte.

          Schon der Doppeltitel mag jene schrecken, die bei Get Well Soon die Pathospanik packt. Nach dem vielgelobten - und auch nicht eben bescheiden benamsten - Debüt „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“ (2008) fanden manche „Vexations“ (2010) überfrachtet. Vielleicht gilt ihnen nun das Schulterzucken, das Gropper in „Prologue“ der dritten Platte vorausschickt: „They’ll joke and laugh about these songs, okay, they are not for them.“

          Was hören wir dereinst am Ende?

          Auf den ersten beiden Platten klangen die Songs so trompetentaumelnd wie bei Zach Condon von Beirut und so popsehnsüchtig wie bei Patrick Wolf. Zwischen Gewitterwucht und Schneekugelwelt wuchs auf dem Debüt ein Sound, den Gropper sich um etliche selbst eingespielte Instrumente herum am Laptop ausgedacht und dann mit Verwandten und Freunden ergänzt hatte. An Auftritten und später am zweiten Album waren schon mehr Musiker beteiligt. Und jüngst beim Rock-en-Seine-Festival ging Konstantin Gropper gleich mit dem Orchestre National d’Ile de France auf die Bühne.

          Der Trotz bei „Prologue“ wird den Liederverlachern nicht entgegengeschleudert, sondern hingehaucht in einer seelenumsummenden Wehmutsnummer, die den Sinnsuchern diesen Rat gibt: „You know, it’s all about love.“ Noch Fragen? Oh ja. Gern würde man etwa wissen, ob es nach dem schönen Auftakt wirklich das goldbachvergießende Instrumentalstück „Let Me Check My Mayan Calendar“ gebraucht hätte; was in „The Last Days of Rome“ die wie gestrandete Urzeitwasserwesen schmatzende Luftschnapperei soll; oder wo beim Abarbeiten der lahmen Ablehnungslisten von „The Kids Today“ eigentlich das Lied bleibt: „For no crest, for no crown, for no laugh, for no frown“, und ewig so weiter.

          Wer deshalb nach vier Liedern aufgibt, verpasst allerdings eine doch noch sehr tolle Platte. Bläser und Sirenengesang begegnen einem hier zwar wieder; sie sind aber eingebettet in eine musikalisch oft sonnigere Grundstimmung - wie bei „Roland, I Feel You“, wo Gropper den Filmregisseur Roland Emmerich augenzwinkernd als verwandten Geist grüßt: „Roland, I feel you, it is mayhem out these days, I specialize in end times, too.“ Und was hören wir dereinst am Ende? Klar, „an apocalypso-beat“, wie es ein paar Zeilen später heißt. Nach „Werner Herzog Gets Shot“ auf „Vexations“ und diesem Stück dürfte mit „Wolfgang Petersen Is Pregnant“ noch zu rechnen sein.

          Pop braucht Protzer

          Am Abgrund wird jetzt also getanzt, auch zum schwirrenden Strebertröster „Courage, Tiger!“ und zum treibenden Schlusstrommler „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“. Bei „Disney“ und „Oh My! Good Heart“ dagegen bieten Get Well Soon verlässlich prächtiges melancholisches Schwelgen. „Just Like Henry Darger“ führt in die comichafte Phantasiewelt dieses Outsiderkünstlers, der rastlos nur für sich schrieb und zeichnete und zu Lebzeiten völlig unbekannt blieb. Das Song-Ich fürchtet den Tag, an dem ihm klar wird, dass es nur eine Art zu leben gibt, „and that is just like Henry Darger did“.

          Konstantin Gropper bringt viel zusammen: die Inspiration aus der Filmmusik, den Synthesizerton der achtziger Jahre, den Gesang und das Geigenspiel seiner Schwester Verena, die Beiträge anderer bewährter Begleiter an Schlagzeug, Bass und Bläsern. Die Bezüge reichen dabei von Darger und Disney bis zur Endzeit im Kino, in der Bibel, im Mayakalender. Pop braucht Protzer, wie er auch Puristen oder Prolls braucht; entscheidend ist schließlich, ob die Songs etwas taugen, und das tun sie bei Get Well Soon mit wenigen Ausnahmen. Für Vollkommenheit bleibt bis zum nächsten Weltuntergang dann ja immer noch Zeit.

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