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CD der Woche: Flaming Lips : Das Universum, das Leben und der ganze verdammte Rest

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „I Can Be A Frog“ Bild: Warner Bros. Records

Die Flaming Lips orientieren sich jetzt an dröhnenden Meilensteinen wie dem Weißen Album der Beatles und „Physical Graffiti“ von Led Zeppelin - tönender, dröhnender Pop für die Erwachsenen von heute.

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          Ist Ihnen eigentlich bewusst, gerade in diesem Moment, dass alle Menschen, die Sie kennen, eines Tages sterben werden? Diese nicht gerade anheimelnde Frage gehört zum Refrain von „Do You Realize?“, einem der ergreifendsten Songs der Flaming Lips, der eigentlich eine hymnische Feier des Lebens darstellt und daher nicht umsonst zum offiziellen Rocksong ihres Heimatstaates Oklahoma gewählt wurde. Diese Ehrung scheint das exzentrische Quartett mit Hang zu lustigen Kostümen und Konfettikanonen nun in seinem Drang bestärkt zu haben, den tiefschürfenden Liedinhalten entsprechend komplexe Songstrukturen zu unterlegen.

          Waren zumindest die letzten drei Alben - angefangen beim Endneunzigerdurchbruch „The Soft Bulletin“ über „Yoshimi Battles The Pink Robots“ bis zu „At War With The Mystics“, das vor drei Jahren erschien - noch geprägt von einem hohen, die Welt umarmenden Pop-Appeal, gibt sich das zwölfte Studio-Opus nun weitaus sperriger, düsterer und avancierter.

          Preis der Freiheit

          „Embryonic“ (Warner), das in der kommenden Woche erscheint, beginnt mit einem verzerrten Bass und wirbelnder Perkussion, die gemeinsam einen dringlichen Rhythmus vorgeben. Dazu stimmt Sänger Wayne Coyne eine Litanei an, die von Unterwerfung und Besessenheit kündet, zu der ihn Liliana Cavanis umstrittener Film „Der Nachtportier“ inspiriert hat: „I believe in nothing/And you're convinced of the hex.“ Ähnlich gegensätzlich geht es weiter: Natur und Technologie, Leben und Tod, Gut und Böse, Macht und Ohnmacht, Glücksgefühle und Schmerz - stets von dem unerschütterlichen Glauben getrieben, dass im menschlichen Dasein beides seinen Platz hat: „Pain and pleasure both get you high“, heißt es folglich im mantraartigen „Powerless“, das in ein schrilles, vom Jazz abgeleitetes Gitarrensolo mündet.

          Anderswo sterben die Blätter, während ein Nachtfalter aufflattert, und das Universum schaut dem Kreislauf aus Werden und Vergehen gleichgültig zu. Bitter kalt ist es zwischen den Sternen, die Coyne und seine furchtlosen Freaks besingen. Der Anblick der Planeten schließlich verleitet das lyrische Ich dazu, von seinem Ego Abschied zu nehmen, sich aller Ängste zu entledigen, die Bibel zu verbrennen und sich damit abzufinden, dass da draußen keine Antwort zu finden ist. „Watching the Planets“, das mächtig stampfende Finale des stolze achtzehn Stücke umfassenden Albums, ist ein Glaubensbekenntnis mit umgekehrten Vorzeichen: Schwöre allem ab, denn die wahre Freiheit ist nicht ohne Verluste zu erlangen.

          Kindliche Vernunft

          Zur Weitschweifigkeit von „Embryonic“ ließ Coyne verlautbaren, er habe sich unter anderem an Vorbildern wie dem Weißen Album der Beatles und an Led Zeppelins „Physical Graffiti“ orientieren wollen. Ihn fasziniere die Unberechenbarkeit dieser Meilensteine; immer wieder schlügen sie einen anderen, unerwarteten Weg ein. Die Flaming Lips ließen daher ihre schier unerschöpflichen Ideen unmittelbar in die Aufnahmen einfließen, ohne zu glätten oder Kompromisse einzugehen: Synthetische, futuristische Sounds, psychedelischer Kraut- und Progrock, zarte Elektro-Balladen, garstiger Funk, dilettantischer Krach, ausgeflippte Instrumentalstücke oder gar Lektionen des deutschen Mathematikers Thorsten Wörmann - nie weiß man, was als Nächstes kommt.

          Vieles klingt tatsächlich so, als entstammte es direkt einem sogenannten „freak-out jam“ im Studio, improvisiert, experimentierfreudig und ungeschlacht. Selbst Coynes angedeutetes Lächeln angesichts eines bemerkenswerten Gastauftritts von Karen O bleibt dabei erhalten. Die Sängerin der Yeah Yeah Yeahs ahmt für „I Can Be a Frog“, eine skurrile und liebreizende Hommage an die Wandlungsfähigkeit der Frau, mit hörbarem Vergnügen Tiergeräusche und indianisches Kriegsgeheul nach. Kurz darauf folgt „Worm Mountain“, ein brachialer, schwerer Groove, gegen den Coyne nur dank der Unterstützung durch Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser von MGMT ansingen kann.

          Die Wucht der Musik scheint nahezu übermächtig, doch immer wieder gelingt es der Band, traurige Wahrheiten und süße Worte des Trosts dicht aufeinanderfolgen zu lassen. So wünscht sie sich, versunken in Melancholie, in die Vergangenheit zu reisen, um vor üblen Missetätern zu warnen, deren Motive unerklärlich bleiben, um wenig später daran zu erinnern, dass wir uns trotz eines dunklen Wesenskerns immer auch dafür entscheiden können, behutsam und liebevoll miteinander umzugehen. Mit der für sie typischen kindlichen Unvoreingenommenheit - manche vermuten darin die Gutgläubigkeit des Hippietums - stellen sich die Flaming Lips den großen Fragen der Menschheit. Doch ihre hypnotischen Melodien sind alles andere als naiv. Das macht dröhnenden, tönenden Pop für Erwachsene heute aus.

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