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CD der Woche : Femme banale

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Hold It Against Me" Bild: Sony Music

Marschmusik für die Halbwüchsigen, die gerne zu H&M gehen: Britney Spears tanzt wieder an und präsentiert eine Mischung aus Spielautomaten- und Klingelton-Gefiepe. Die Texte kreisen um Liebesobjekte, die entweder „honey“ oder „sweetie“ heißen.

          3 Min.

          Wenn ein Siebzehnjähriger definiert, was Pop heutzutage bedeutet und auf den größten Bühnen der Welt vorexerziert, wie man ein Image zur Imago, zur kollektiven Wunschphantasie steigert - was bedeutet das dann für eine Neunundzwanzigjährige? So alt ist Britney Spears mittlerweile, und es wäre interessant zu wissen, wie sie Justin Biebers Karriere einschätzt: als Weiterführung jener Entertainmentschule, die ihre eigene Karriere aus der Taufe hob?

          Das heißt, als fortgesetzten Drill des begabten Kindes mit den Mitteln der Kulturindustrie? Oder erscheint ihr der die Massen berauschende Knabe als Überwindung des Showbiz-Homunculus, wie ihn die Castingshows hervorbringen? Als Star von eigenen Gnaden, dessen Talent sich der allgemeinen Strukturen nur bedient, anstatt von ihnen zugerichtet zu werden?

          Britney Spears muss erwachsen werden, der Part des Unterhaltungswunderkinds ist mit Bieber mehr als erfolgreich vergeben. Ihre Weggefährten, die einstigen „Mickey Mouse Club“-Mitstreiter Christina Aguilera und Justin Timberlake, haben umgeschult und werkeln an einer Filmkarriere. Außerdem wartet Lady Gaga, das Garderobengenie des Pop, mit seiner nächsten Verpuppung auf (Album im Mai). Das heißt, die entscheidenden Zielgruppenanteile - weibliche Teenager zwischen zehn und achtzehn - müssen noch härter verteidigt werden als bisher.

          Schlimm ist das nicht

          Der Albumtitel „Femme Fatale“ ist so gesehen ein Schritt in die richtige Richtung: Er signalisiert die Inszenierung jenseits bisheriger Schulmädchen- und Hupfdohlen-Ästhetik. Eine Sirene, so sollte man meinen, wird das Begehren auf raffinierte, im popkulturellen Kontext womöglich sogar ironisch-selbstreflexive Weise zu steuern wissen. Man muss dann aber nur das Video zur ausgekoppelten Single „Hold it Against Me“ anschauen, um zu verstehen, dass „Femme Fatale“ hier wenig mit literarisch inspirierter Verführung zu tun hat. Im Clip wird nicht etwa das Theater einer verruchten Weiblichkeit aufgeführt, sondern die x-te Aerobicnummer abgespielt. Schlimm ist das nicht: Wer von Pop kunstsinnige Szenarien erwartet, muss sich an Lady Gaga halten, die es in ihrem neuen Video tatsächlich schafft, David Lynch mit Leni Riefenstahl zu kreuzen.

          Bei Spears hingegen bleibt alles beim Alten, das heißt, beim Look einer gut sortierten H&M-Filiale: modische Fummel, schwierige Frisuren und jede Menge Spiegel, weil das postmoderne Subjekt eben narzisstisch ist, und überhaupt, es sieht einfach cool aus.

          Und das Album selbst? Astreine Beschallungsmusik für eben so einen Modefilialisten: Crazy Netzhemdchen oder neonfarbene Ringelleggins lassen sich am besten zu Uptempo-Nummern aussuchen. Schnell noch in die Accessoire-Abteilung und dazu ein Ständchen von Britney, der größten Jugenddarstellerin seit Erfindung des Popcorns.

          Pop verpflichtet zum Spaß, nicht zur Semantik

          Unbeschwert sind die insgesamt zwölf Songs; das Sounddesign ist state of the art, will sagen: eine Mischung aus Spielautomaten- und Klingelton-Gefiepe. Der so genannte Autotune-Effekt - die per Computer verfertigte Stimmverquengelung - ist ausgiebig am Werk; die Texte kreisen um Liebesobjekte, die entweder „honey“ oder „sweetie“ heißen und denen man schon mal kritisch attestiert: „You are trouble for me!“ Schön sind vor allem die Refrains, die beweisen, dass Pop zum Spaß, nicht aber zur Semantik verpflichtet: „Dam dam dam dadadadidam“ heißt es zum Beispiel im Stück „How I Roll“. Dancepop also, Marschmusik für die Halbwüchsigen - warum nicht? Das vollständige Fehlen von Balladen-Romantik, aber auch die Abstinenz von pseudolasziven R&B-Allüren machen die Platte zum angemessenen Werk der postapokalyptischen Werkphase.

          Wir erinnern uns: Vor knapp drei Jahren hatte die Demontage der Britney Spears begonnen, ein Monate währendes Aus- und Bloßstellungsdrama mit allen Motiven der White-Trash-Kultur zum Mitgruseln und Ablästern. „Oops, I did it again“ wurde zum Stilprinzip: schon wieder betrunken randaliert, schon wieder vor Gericht, schon wieder getrennt von irgendeinem Medienproleten, der sich doch nur bereichern wollte an der Marke Spears. In dieser Perspektive ist das aktuelle Album die selbstbewusste Rückkehr zum business as usual: flotter Eskapismus für Shopping, Disco und Karaoke.

          Fazit: Nicht überall wo „Femme fatale“ draufsteht, ist eine Mata Hari drin. Es kann auch einfach eine Künstlerin sein, die ihrem Stil treu bleibt, nicht wirklich einen zu haben.

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