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CD der Woche: Feist : Blitz, sing uns dein Lied

  • -Aktualisiert am

Hörprobe "How come you never go there" Bild: Polydor/Universal

Werthers Echte: Leslie Feist zeigt, warum sie weder das Überkandidelte noch das Ranschmeißerische nötig hat - sie liest einfach singend die Zeichen der Natur.

          Mit geklauten Tanzkapellenklamotten und entführtem Streichquartett hatten die Krachkunstkrakeeler von Trail of Dead sich in die Spelunke am Abgrund geschlichen, um Leslie Feist bei „The Bad in Each Other“ zu begleiten - in einem Liebeswahnfilm von David Lynch. Danach klingt dieses Stück, mit dem „Metals“ beginnt, Feists erstes Album seit vier Jahren. Zwischen Trommelstampfen, Bläserröhren und Schellenkranzscheppern klagt die Kanadierin übers Scheitern zweier Liebender an sich selbst und am Blödsinn der Zeit: „We had the same feelings at opposite times“. Bitte laut hören.

          Nach dem großartigen Auftakt geht es ebenso düster weiter mit der Gespensterballade „Graveyard“. Das schlagende Herz nun leer des Lebens, der Mond zieht vorüber, Blut wie Eis; dann, himmelwärts, im Refrain flehentlich bis fordernd immer wieder der Aufruf: „Bring them all back to life“. Sang Feist „1234“, ihren Banjo-Bläser-Piano-Hit vom Vorgänger „The Reminder“, zum Zählenlernen in der „Sesamstraße“, so möchte man hierzu bald mal bei Tim Burton die Untoten tanzen sehen. An den ersten beiden Liedern lässt sich ein Unterschied der Platten festmachen: Die musikalische Ausgelassenheit von „I Feel It All“, „Past in Present“ oder eben „1234“ gab „Metals“ nicht das Maß vor.

          Lieder vom Aussterben bewahren

          Erst „The Reminder“ brachte den enormen Erfolg für Feist, die als Musikerin auf den Vornamen verzichtete und sich einst in einer Punkband fast um ihre Stimme geschrien hätte. Mit Anleihen bei Folk und Jazz bewegte „Let It Die“ (2004) sich noch zwischen knisternden Dimmerzimmerdingern („One Evening“, „Leisure Suite“) und dem Szene-Café-Charme, mit dem sie Songs von Ron Sexsmith oder den Bee Gees sang; es bewegte sich also eigentlich gar nicht so viel, sondern ließ einen manchmal den Atem anhalten, um die feineren Stücke nicht ungewollt umzupusten. Heute gehört, verweist wenig darauf, was ihr drei Jahre später künstlerisch wie kommerziell gelingen sollte.

          Dass die letzten zehn, zwölf Minuten von „The Reminder“ doch eher doof waren, kratzte kaum am Lob für ein Album mit Material wie dem mitreißenden „My Moon My Man“ oder „Sealion“, ihrer beatbepulsten, gitarrejaulenden Version eines Traditionals aus einer Sammlung alter Field Recordings. Im amerikanischen Radio bemerkte Feist dazu, dass solche von Generation zu Generation weitergereichten Lieder sonst ausstürben, weil das Vorsingen den iPod Nanos weiche.

          Die Streicher schwirren irre

          Das bewies entweder guten Humor oder ein schlechtes Gewissen, schließlich kurbelte es den Absatz des Albums kräftig an, das sie mit „1234“ für besagten tragbaren Musikabspieler warb. Den Biss in diesen Apfel ahnden zornige Szenegötter gern mit der Vertreibung aus dem Paradies der Puristen. In Text und Ton des tausend Tränen tiefen Seufzers „The Water“ bot „The Reminder“ allerdings auch ein Stilvorbild für „Metals“. Vom grauen Himmel hieß es damals, er gebärde sich „like a good guy“, und das Wasser musste seine gefährliche Weite erkennen. Die belebte Natur begegnet einem jetzt wieder in „Caught a Long Wind“, wenn Strömung und Blitz sich mitteilen wollen: „And now the current tells what the wave withheld, and the lightning sang of where the light would land“. Ach, Werther, hättest du statt Lottens die Windfängerin Leslie geliebt, die Natur hätte euch in Schönheit und Schrecken vermählt.

          Zur Aufnahme von „Metals“ zogen Feist und ihre Musiker sich nach Big Sur an der kalifornischen Pazifikküste zurück und verwandelten eine Scheune für zweieinhalb Wochen in ein Studio. Neben Chilly Gonzales und Mocky, ihren langjährigen Freunden und Kollegen aus Kanada, begleiteten sie diesmal etwa Brian LeBarton, Keyboarder bei Beck, oder das Real Vocal String Quartet, vier Frauen, die Streicher und Hintergrundgesang beisteuerten. In „A Commotion“ fügen sich die Teile nicht zu einem gescheiten Ganzen: Die Streicher schwirren irre, die Damen heulen sirenenhaft, irgendwo nervdüdelt es mächtig, der Titel wird vierfach mannsgebrüllt, und alles zusammen ist ein rechter Schmarrn. „Comfort Me“ entgleist in altstadtfestaffagehaftes Nanananana.

          Die übrigen zehn Stücke auf „Metals“ machen hingegen deutlich, warum die Fünfunddreißigjährige weder das Überkandidelte noch das Ranschmeißerische nötig hat. Das Elegische und das Einfache stehen ihr ja viel besser. Zu Ersterem zählt unbedingt noch „Anti-Pioneer“, eine fünfeinhalbminütige Finsterschönheit, durch die sich Gitarre und Streicher herzschneidend zittern, die aber ganz von Feists Stimme - und welch eine Stimme! - getragen wird. Im bezaubernd leichten, irritierend traurigen „The Circle Married the Line“ bannt einen allein schon das herrliche Schluckaufkieksen nach den Zeilen „All we need is a horizon line, get some clarity following signs“. Stimme und Musik geben die Zeichen, die der Text sich wünscht, um Klarheit zu finden. Darin liegt das utopische Moment von „Metals“.

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