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CD der Woche: Erdmöbel : Der Sommer war schön zum Heulen

  • -Aktualisiert am

Das ist mal eine Farbidee für moderne Pfadfinderuniformen: Die Band Erdmöbel wildert im großen Kleiderschrank der Erinnerung. Bild: Erdmöbel

Bewegliche Ferien mit „Kung Fu Fighting“ als Klingelton: Die Kölner Band Erdmöbel montiert lyrische Bilderrätsel auf Schunkelmelodien und macht daraus Lieder, die sehr zu Herzen gehen.

          3 Min.

          Das Gefühl beim Hören dieses Albums kann man am ehesten mit dem Kinoerlebnis eines Wes-Anderson-Films vergleichen: Hier kehrt ferne Erinnerung in den prächtigsten Farben zurück und ist perfekt inszeniert bis ins letzte Detail. Man freut sich über die Pfadfinderuniformen mit all ihren Aufnähern und über die kleine Meerschaum-Pfeife, genießt den kindlich-abenteuerlustigen Blick auf die Welt, die natürlich längst nicht so perfekt ist, wie sie zunächst scheint. In der Bildsprache von Markus Berges klingt das so: „Auf der Brücke der Schiffstee / Verbrannte die Lippen / Der Sommer in den Klippen / War schön zum Heulen“.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Berges ist sozusagen der Filmvorführer der Band Erdmöbel, und seine Wortfilme sind in der deutschsprachigen Popmusik einzigartig. Der, aus dem die zitierte Passage stammt, trägt den Titel „Cardiff“ und könnte eine walisische Boyscout-Erinnerung sein, beginnt aber im Londoner Stadtteil Bromley und träumt sich gleich mit den ersten Zeilen in ganz andere, südliche Gefilde: „Wie duften, fragte, Mutter, Rosen bei Korinth?“ Solch phantastisch weites Ausschweifen, aber auch solche Verwirrung ist typisch für die Erdmöbel-Songs, bei denen man schnell nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Wild geht es durch die Welt und durch Assoziationsräume, so abenteuerlich, dass sich der Sänger am Ende selbst ermahnt: „Nicht mal im Traum war das in Cardiff.“

          Die lyrischen Schätze des Amtsdeutsches

          Mit der Analogie zum Film fängt man aber nur einen Teil dieser Songs ein, weil doch nur die Sprache kann, was die Sprache kann: Kindern aus Zimt nasse Wolle anlegen, Hauhechelbläulinge erfinden oder einen „Club der senkrecht Begrabenen“ gründen. Das gleichnamige Stück ist aber alles andere als ein Beerdigungslied, eher eine swingende Feier der seltsamen Liedlyrik, die mitzusingen nicht ohne Knoten in der Zunge abgeht: „Das zieht aus dem Arsch, das Karnickel / Rührt den Gimlet mit ’nem Eispickel“.

          Nach mittlerweile siebzehn Jahren Erdmöbel hat man sich an den Bandnamen wie an solche Sprach-Attacken inzwischen gewöhnt, bekommt aber auch langsam ein Gefühl dafür, was Berges besonders mag: nämlich Schiffe und Busse und sowieso alles, was irgendwie blinkt, ob das nun Windräder sind oder allerlei Automaten. Oder eine Forelle im Gleisfeld, wie immer das arme Tier dorthin gekommen sein mag. Am liebsten wohl hebt Berges die lyrischen Schätze, die im Amtsdeutsch verborgen liegen, etwa in dem Begriff „bewegliche Ferien“.

          Die heute in Köln ansässige Band ist durch viele Formen geschritten, vom geradlinigen Rock der Frühzeit hin zu wunderbar leicht klingenden Chansons, die aber eben doch immer mehr sind als Easy Listening, über weihnachtliche Gelegenheitsdichtung hin zu einem Album mit virtuos eingedeutschten „Nr. 1 Hits“. Ein Projekt aber verfolgte sie von Anfang an und treibt es immer weiter voran: die konsequente Herausforderung der Liedform. So, wie man einst fragte, ob auch Telefonbücher Literatur sind, wird man sich vielleicht irgendwann auch in Seminaren darüber streiten, ob man das überhaupt noch als Lieder bezeichnen kann, was Erdmöbel da produzieren: „Ausstellung über das Glück / im Hygienemuseum Dresden“. Soll das etwa eine Hookline sein? Es kann eine werden, der Beweis findet sich auf dem vielbeachteten Album „Krokus“ (2010).

          Und ist das etwa ein Refrain, wenn Berges jetzt zu einer Schunkelmelodie immer wieder die Worte „Anbei die Rollei von Vivian Maier“ singt? Vielleicht könnte man es eher ein musikalisches Rätsel nennen, das hier auf die Spur der amerikanischen Fotografin führt. Diese Musikrätsel sind aber nie lästige Hausaufgaben, sondern sie schmiegen und schmeicheln sich dem Ohr so an, dass der Drang, sie zu lösen, von selbst entsteht - das ist die Qualität der Band aus dem Multi-Instrumentalisten und Produzenten Ekkehard Maas, genannt Ekimas, dem Pianisten Wolfgang Proppe und Schlagzeuger Christian Wübben sowie den mittlerweile auch zu einer Art Markenzeichen gewordenen Melodien aus Posaune und Flöte, die gerade das Lied „Cardiff“ so besonders machen.

          „Was in Erinnerung bleibt / Ist der Parkplatz, ist die Dämmerung“

          Manche Rätsel auf dem neuen Album der Gruppe, das nächste Woche erscheint, sind auch leichter zu lösen, etwa wenn es in ins Kölner „Zollstockbad“ geht oder zurück in eine wiederum ferne Schulzeit, wo man berauscht von was auch immer nachts auf dem Sportplatz herumliegt. Jemand hat sich den Kreidewagen geschnappt und zieht damit krumme Spuren, dann tritt ein Mädchen namens Janine auf den Plan. Hier ist der Refrain ganz einfach: „Die Gefäße weiten sich / Der Damm bricht“, die Musik dafür umso ausgefuchster, mit deutlichen Anspielungen an Steely Dan.

          Fast Hand in Hand mit diesem Lied geht dann das Titelstück, das ebenfalls in „sehr alte BRD“ zurückführt und ins Gemüt ruft, wie es ist, im Sommer an einem Nicht-Ort festzusitzen. Zum Beispiel Emsdetten, während alle anderen ans Meer gefahren sind: „Was in Erinnerung bleibt / Ist der Parkplatz, ist die Dämmerung / Der Vorhair-Nachhair-Frisiersalon“. Das Bild dieser furchtbar-schönen Tristesse wird aber erst komplett durch eine dazugehörige Melodie, die den Reim vollendet und Jahrzehnte später die ganze Erinnerung erst auslöst, nämlich: „,Kung Fu Fighting’ als Klingelton“. Wie Erdmöbel das „Wo-ho-ho-ho“ des Carl Douglas dann auch noch musikalisch sehr sanft zitieren, ist einfach rührend.

          Auch wenn man Klingeltöne eigentlich ganz verbieten sollte, wäre die Welt zumindest ein bisschen schöner, wenn nicht alle Telefone nur „Marimba“ oder „alte Hupe“ im Programm hätten, sondern zur Abwechslung auch mal einen Erdmöbelsong.

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