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CD der Woche: EMA : Gold in der Kehle, Frosch im Hals

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Milkman" Bild: SouterrainTransmissions

Hier schüttet eine Frau ihr Herz aus, das eine Mördergrube sein könnte: Erika M. Anderson zeigt den Independent-Männern, was eine Harke ist. Ihr Solodebüt „Past Life Martyred Saints“ ist eine Entdeckung dieses Pop-Sommers.

          3 Min.

          Auf ihrer Homepage steht, sie komme aus dem Nichts und stamme von einem unbarmherzigen Wikinger namens Erik Blood-Axe ab. Dieses Nichts, das South Dakota heißt, geprägt von fragwürdigen Kneipen und verfallenen Friedhöfen, hat Erika M. Anderson längst hinter sich gelassen. Mit achtzehn packte sie den Gitarrenkoffer, zog nach Los Angeles und gründete gemeinsam mit Ezra Buchla das experimentelle Drone-Folk-Duo Gowns. Raus aus der Provinz, rein in die Großstadt, auf den Putz hauen und mit der Streitaxt des Vorfahren die eigene Musik verhackstücken. Diese Phase ist auch schon wieder Geschichte. Erika M. Anderson beschloss kurzerhand, zur Einzelkämpferin zu werden. Volles Risiko und keine Kompromisse. Das hätte auch schiefgehen können, doch ihr Solodebüt „Past Life Martyred Saints“, veröffentlicht unter ihren Initialen EMA, gehört zum Besten, Verstörendsten und Schönsten, was der Sommer in Sachen Popmusik zu bieten hat.

          Da gibt es aufgekratzte Balladen, dröhnende und dräuende Grunge-Akkorde à la Scout Niblett, eine holpernde und polternde Rhythmussektion, knochentrockene Country-Anklänge, beklemmende A-cappella-Einlagen und nicht zuletzt eine Stimme, die krudeste Gegensätze unter einen Hut zu bringen vermag. Erika M. Anderson hat Gold in der Kehle, aber ständig einen Frosch im Hals. Sie flüstert und haucht, raunt, grummelt und greint sich heiser. Ihr Gesang klingt mal verpennt, mal hellwach, verletzlich und angriffslustig, blitzgescheit und eingeschnappt, aufbrausend und spröde. Ihre Aggressivität speist sich aus dem Furor der einstigen Riot-Grrrl-Bewegung, während sie sich ihre Wandlungsfähigkeit bei PJ Harvey abgeschaut haben könnte. Sie weiß dabei genau, wann sie sich zurückhalten und wann sie es krachen lassen muss. Geduldig und kühl kalkulierend wiegt sie den Hörer in Sicherheit, um ihn Sekunden später auf dem falschen Fuß zu erwischen und ihm hinterrücks einen Satz heiße Ohren zu verpassen.

          Grunge in Zeitlupe

          Glaubt man sich zu Beginn des Albums, beim siebenminütigen „Grey Ship“, zunächst im hallenden und staubigen Übungskeller einer verkannten Folk-Songschreiberin, wechselt der Song alsbald die Richtung: Aus Lo-Fi wird Hi-Fi, der Bass übernimmt das Ruder, aus einer Stimme werden viele, und aus der akustischen Saumseligkeit erwächst für kurze Zeit eine energische Feedback-Sinfonie. Erstaunlich daran ist nicht der von Postrockern zur Genüge ausgereizte Laut-Leise-Kontrast, sondern vielmehr die Tatsache, dass dieses lauernde, sich vorsichtig an die tönende Leere heranpirschende Stück so geradlinig und zielstrebig wirkt, obwohl es unentwegt Haken und Finten schlägt. Der rasende Stillstand steckt voller Kunstgriffe und Pfiffigkeiten, stellt diese aber nicht zur Schau. Den Mut, eine solch raumgreifende Komposition an den Anfang eines Erstlings zu stellen, muss man erst mal haben.

          Für den darauf folgenden Sprech- und Abgesang auf „California“, einen der Höhepunkte von „Past Life Martyred Saints“, ließ sich Anderson laut eigener Aussage vom West-Coast-Hiphop inspirieren, einer Musikrichtung, die wie geschaffen dafür scheint, Dampf abzulassen. Unter EMAs Fuchtel wird daraus jedoch etwas komplett anderes, ein zärtliches Schwadronieren, ein unheilsschwangerer, dissonanter Kehraus. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die frühere Wahlheimat geht, die einen langsam ausbluten lässt und einen glauben lässt, es wäre besser, jung ins Gras zu beißen. Die atemberaubend persönliche Tirade handelt von Entfremdung, Heimweh und der Erinnerung an alte Freunde, die man einst zurückgelassen hat. Sie fragt nach dem Geschmack des Scheiterns und danach, wie die angeblich so freie Liebe sich anfühlt, wenn das Intimste zu öffentlichen Skandalen und Tragödien wird: „Now you've corrupted us all with your sexuality / Tried to tell me love was free“. Den eigenwillig verzerrten Sound ihrer Platte definierte Anderson im Interview mit dem Musikmagazin „Rolling Stone“ scherzhaft als „Digital Velvet Underground“. Grunge in Zeitlupe könnte man das auch nennen oder verschleppten Alternative Rock mit schwarz umrandeten Augen.

          Ohne jede Ironie

          In jedem Fall trifft Erika M. Anderson stets den richtigen Ton. Ob es dabei um zwiespältig masochistische Gefühle geht wie in „Marked“, wo sie sich wünscht, jede Berührung ihres Geliebten möge eine Spur auf ihrem Körper hinterlassen, oder um ein Gothic-Mädchen auf der Highschool („Butterfly Knife“), das sich die Arme ritzt und dem niemand zutraut, seine Todessehnsucht in die Tat umzusetzen - immer erzählt sie diese aufwühlenden Geschichten lakonisch und bewegend zugleich, ohne falsches Pathos, aufrichtig und intensiv.

          Jammerlappen werden sich in Andersons Texten kaum wiederfinden. Denn hinter all dem sinistren Charme, der Seelenpein und den physischen Qualen sind Trotz, ein starker Überlebenswille und ein ungeheures Selbstvertrauen zu spüren. Hier schüttet eine Frau ihr Herz aus, das eine Mördergrube sein könnte. Wer sie für schwach hält, steht auf verlorenem Posten und fällt dem nächsten schneidenden Gitarrenriff zum Opfer. Kaum sind die Schmerzen abgeklungen, zeigt Anderson mit dem ergreifenden Refrain von „Breakfast“, was sie mit ihrer facettenreichen Stimme alles anrichten kann.

          Den seitengescheitelten, cleveren Independent-Rockbands unserer Tage, die meist von Jungs oder Männern angeführt werden, hat die in der Tradition von Liz Phair, Courtney Love oder Kim Gordon stehende EMA einiges voraus. Ohne jede Ironie strebt sie nach der Unmittelbarkeit des Ausdrucks, ohne dabei auf metaphorische Finesse zu verzichten. Sie spricht eine deutliche Sprache und hat tatsächlich etwas mitzuteilen. Im zeitgenössischen Pop ist das leider eine Seltenheit. Und wie Erika M. Anderson das macht, das ist sensationell, das muss man einfach gehört haben.

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