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CD der Woche: Electric Guest : Riecht eindeutig nach Vanillacoke

  • -Aktualisiert am

Zu dieser Musik tanzt es sich sogar allein: Danger Mouse animiert Electric Guest zu einem Debüt, dessen Sommerpop mit Finesse und Einfachheit begeistert.

          Die hübsche Nachbarin vom Balkon gegenüber hat noch zu jeder Musik genickt, die ich aufgelegt habe. Diesmal rief sie sogar herüber. Es war das erste Wort, das ich jemals von ihr hörte: „lauter!“ Ich drehte den Regler so weit nach rechts, dass meine Möbel, auf den Vibrationen des Dielenbodens schwimmend, langsam durch das Zimmer trieben. Da tanzte sie auf ihrem Balkon, im Morgenmantel, den sie immer am Abend trägt, fuchtelte mit der rechten Hand drei Fragezeichen in die Luft, Melodiemalerei, und zuckte mit den Schultern im Takt. Ich verstand und rief hinüber: Das ist „Mondo“ von Electric Guest!

          Ich sagte ihr nicht, dass Danger Mouse mitgemischt hat, Produzent, Musiker und Gütesiegel, der verlässlich hinter Alben steht, die zupacken und nicht loslassen. Seine Platten sind in der Lage, die Stimmung eines Sommers zu bestimmen. Vor zwei Jahren war es „Dark Night Of The Soul“, das, den Bodensatz der Seele aufwirbelnd, Trübnis erzeugte. Nicht bloß, weil sich sein Kollaborateur Sparklehorse umgebracht hatte, klang dieses Album wie das Echo einer Ladung Schrot in die Brust. Vergangenes Jahr folgte dann „Rome“, eine Spaghettiwesternoper, in Sehnsucht und Fernweh bissfest gekocht, für die man sich ein jetschnelles Pferd unter den Hintern wünschte, um in einen unendlichen Sonnenuntergang zu reiten.

          Von Bass und Drumcomputer gepackt

          Wegen des Electric-Guest-Debüts nun ließ ich den Rotwein stehen und alle Verabredungen sausen, blieb auf dem Balkon sitzen und öffnete eine Grünglasflasche Bier, in der ich die Abendsonne funkeln ließ. Vorletztes Jahr suchte man den Ausweg aus der Welt, letztes Jahr die Ferne und das Weite, und dieses Jahr bleibt man einfach auf seinem Balkon sitzen und trinkt Bier aus grünen Flaschen. Und ich schaute zur Nachbarin hinüber, und wir prosteten einander zu: sie mit dem Heineken, ich mit dem Meinigen.

          Mit „Holes“ beginnt diese Platte, und wie dabei der Synthesizer hinter dem Rhythmus herzuhinken scheint, drückt einen schwer in den Balkonstuhl. Doch schon das zweite Lied verursacht unwillkürliche Bewegungen, wie Elektroden, die man sich auf die Muskeln klebt. „This Head I Hold“ kann einen Hüftschwung hervorrufen, mit dem man Menschen töten kann. „Under the Gun“ hat geringere Intensität, doch ähnliche Stoßrichtung. Und wenn man sich einen Song aussuchen könnte, zu dem man, Fingerschnippser werfend, die Treppe zum Kellerclub heruntertänzelt, dann wäre das „Awake“. Zu „Control“ nimmt man dann wieder einen kühlenden Schluck aus der grünen Bierflasche. Von „Waves“ bleibt Vanillacokesüße am Gaumen kleben. Und bei „Troubleman“ könnte man wegen der schieren Länge glauben, das Lied tauge nur zum Schwanzvergleich anspruchsvoller Popkünstler. Doch auch hier senkt sich das stolz erhobene Kinn irgendwann ergeben im Takt.

          Die Finesse begeistert, mit der die Einfachheit einlullt: Bei jedem Song wird man von Bass und Drumcomputer gepackt, der Rhythmusmitmusssektion, meistens fiepst ein Synthesizer dazu, manchmal hört man Klavier oder Gitarre und immer den zarten, oft hohen Gesang von Asa Taccone. Das andere Bandmitglied ist Matthew Compton, der für die Saiteninstrumente zuständig ist. Die beiden machen Pop, der wohl am ehesten an die Siebziger erinnert. Und wenn man den Hang zur Falsettstimme erwähnt, wird manchem vielleicht ein leichtfertiger Vergleich einfallen.

          Wie die Liebe im Frühling

          Man mag diese Musik hören, wenn man ausgeht zum Tanzen, doch zu dieser Musik tanzt es sich sogar allein. Gleichzeitig schwingt aber eine bleischwere Coolness mit, die allem Bewegungsdrang Ballast ist, so dass von allem Brodeln im motorischen Zentrum oft nur ein Kopfnicken überkocht. (Es sei auch gesagt, dass die Band mit ihrer Musik auf Youtube großzügig umgeht. Man kann also gut informierter Albumkäufer sein.)

          Meine Nachbarin und ich tragen außer Haus die gleichen schweren Kopfhörer, unter denen man selbst im Winter schwitzt. Ich stand auf der Rolltreppe runter zum Supermarkt, da sah ich sie in der Warteschlange vor dem Rückgabeautomaten - der riecht nach Bier, und alle Voll- und Freizeitalkoholiker tragen Leergut und Hohlheiten dorthin. Ich, ein Cooler ohne Können, der für Moonwalk auf Rolltreppen zwingend angewiesen ist, lockte sie fingerschnippend weg von dort, zum Grünglascontainer, wo man Flaschen ohne Erniedrigung entsorgen kann. Als unser Leergut in den Container klirrte, stießen zum ersten Mal die Flaschen aneinander, mit denen wir uns so oft über die Straße zugeprostet hatten. Wir schauten uns an und zogen einander behutsam die Kopfhörer von den Ohren. Aus beiden Paaren raschelte „American Daydream“, ein Lied das sich anschleicht wie die Liebe im Frühling. Und wir sagten kein Wort, doch wir nickten einander zu.

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