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CD der Woche: Eels : Dein letztes Schäferstündlein hat geschlagen

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „The Look You Give That Guy“ Bild: Eels

Wenn Werwölfe auf Kegeltour gehen: Die Eels wenden auf „Hombre Lobo“ den Blick nach vorn und singen mit krächzender Stimme von Sehnsüchten und deren Gegengiften.

          3 Min.

          Bei jeder neuen Platte von den Eels alias Mark Oliver Everett alias E hat man zunächst den Eindruck, ein Best-of-Album anzuhören. Das liegt nicht unbedingt nur an der Qualität der Songs, sondern auch daran, dass E gern zwischen einer Handvoll sehr unterschiedlicher Typen von Songs abwechselt, die jeweils an andere Phasen des Werks denken lassen. Mal fällt das Gesamtresultat dann eher düster-depressiv aus (bei „Electro-Shock Blues“ oder „Souljacker“), mal eher fröhlich und neuen Ufern zugewandt (bei „Daisies Of The Galaxy“ oder „Shootenanny“).

          Das letzte Studioalbum „Blinking Lights and Other Revelations“ von 2005 fügte als neue Erfahrung für Eels-Hörer die Langeweile hinzu - so nostalgisch in Erinnerungen und in die am Ende doch etwas triviale Erfahrung allgegenwärtiger Vergänglichkeit verloren waren viele der Stücke des überambitionierten Doppelalbums.

          Lange genug zurückgeblickt

          Dann schrieb E seine anrührende, auch literarisch sehr bemerkenswerte Autobiographie „Things The Grandchildren Should Know“ (sie ist gerade unter dem Eels-Songtitel „Glückliche Tage in der Hölle“ bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erschienen). Er machte mit der BBC einen Dokumentarfilm über das schwierige Verhältnis zu seinem unnahbaren Vater, einem bedeutenden Quantenphysiker. Er brachte eine echte Best-of-Platte heraus, auf der viel Unbekanntes zu entdecken war. E's Biographie wurde zum multimedialen Gesamtkunstwerk, eine Performance der Trauer auf allen Kanälen.

          Nun scheint es mit der Retrospektive erst einmal genug zu sein: Das neue Album führt als Wappentier den Werwolf; zwölf „Songs of Desire“ verspricht der Untertitel. Der Wolf blickt nicht zurück, er ist gebannt im Moment und von dem, was ihm vor Augen liegt - seinem Opfer oder seinem Gott, dem Mond, den er anheulen muss vor Verzweiflung und Verlangen. In „Fresh Blood“, der ersten Single, breitet E eine solche Urszene aus. Die Idylle eines Sommernachmittags verwandelt sich mit dem Untergang der Sonne in ein Reich der Triebe und der Sehnsüchte. Der schleppende Beat der Strophe wird im Refrain von einem lauernden Gitarrenriff unterwandert, während E ein tierisches Geheule darüber anstimmt.

          Wölfe zwischen Jammer und Jagd

          Topoi der elektronischen Musik, ein schleichender Spannungsaufbau, Verzögerung und Entladung finden sich in mehreren Stücken, in anderen herrscht eher der pure Enthusiasmus des jüngeren Retro-Rocks. Brutal übersteuerter, krächzender und kratzender Gesang über rostigen Garagenbluesriffs („Tremendous Dynamite“, „What's A Fella Gotta Do“) wechselt sich so mit traurigen Ohrwürmern ab, wie man sie vom „Daisies“-Album kennt. Ein großartiges Beispiel für Letzteres ist „The Look You Give That Guy“, ein ganz unambitioniert auftretendes Stück mit einfachen Harmonien, eine Klage des treuseligen, aufrechten, aber chancenlosen Liebenden, der die Blicke gern auf sich ziehen würde, die dem erfolgreichen Nebenbuhler gelten.

          Der einsame Wolf kennt zwei Reaktionen auf sein Leid: Jammer oder Jagd, Resignation oder Rambla. Daher eignet sich die Platte jedenfalls nicht als Untermalung für Schäferstündchen. Bei jedem zweiten Stück würden den Lämmern die Ohren wegfliegen. Wenn die Schönheit so unerreichbar ist wie der Mond, muss sich der Hombre Lobo an die irdischen Genüsse halten. Der Werwolf heult und geht auf Kegeltour; der freie Wille macht sich leise davon.

          Ein nie zu befriedigendes Verlangen

          Auf die Bierdusche folgt Nieselregen, ein wetterfestes Raubtier im Wechselbad der Gefühle: Hat man sich einmal an die schroffen Gegensätze gewöhnt, verspürt man besonders im zweiten Teil den immer stärkeren Sog einer Musik, die ein nie zu befriedigendes Verlangen erzeugt und zugleich kanalisiert - eben das, was aller guten Rockmusik gelingt. „My Timing is Off“ ist die fast schon wieder fröhliche Klage eines Abgewiesenen, für dessen Liebe der andere nicht bereit war und der tief im Herzen weiß, dass das nicht alles gewesen sein kann. Schließlich, als kathartischer Höhepunkt der Platte, der angepunkte Northern-Soul-Renner „Beginner's Luck“, ein ansteckender Neuanfang, der sich einfach über alle Bedenken hinwegsetzt: Wer noch einmal ganz zurück auf Los geht, darf ruhig ins Blaue fahren, Hindernisse tauchen früh genug auf. Wer sich auf alles vorbereiten will, der kommt nie vom Fleck.

          So ist den Eels nach „Shootenanny“ wieder eine Platte gelungen, der man die Anstrengungen ihrer Entstehung nicht mehr anhört, die Songs enthält, bei denen man sich fragt, warum fünfzig Jahre Rockgeschichte die nicht schon längst hervorgebracht haben, und Zeilen, die so selbstverständliche Dinge über die Liebe und ihre Gegengifte sagen, dass die Entscheidung zwischen Banalität und Weisheit gegenstandslos wird. „Glaub es oder nicht: In Herzensdingen haben wir keine Wahl. Wir müssen nur tapfer genug sein, um zu lieben und uns lieben zu lassen.“ Dann kann selbst der Vollmond uns nicht schrecken.

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