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CD der Woche: Editors : Was wiegt Liebe?

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „A Ton Of Love“ Bild: Play It Again Sam 1063050 (Rough Trade)

Indierock - da bist du ja! Die Editors haben sich von ihrem Gitarristen getrennt. Ihr Album „The Weight Of Your Love“ zeigt: Auch mit dem neuen lässt sich gut schrammeln.

          So richtig überrollte die Independent-Welle das europäische Festland 2005 von den Britischen Inseln aus: Aus dem Radio tönte „Banquet“ von Bloc Party, „Graffiti“ von Maximo Park, „Munich“ von den Editors. Was ist acht Jahre später aus den Lieblingsmusikern der damaligen Gymnasiasten geworden? Für Maximo Park scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Ihre aktuelle Single „Write this Down“ hätte auch vom Debütalbum der Band stammen können.

          Bei Bloc Party und den Editors sieht es anders aus. Während das zweite Album jeweils den Stil des Erstlings ausbaute, bewiesen beide Gruppen mit ihrer dritten Platte Mut zum elektrolastigen Experiment. Nun folgt die Heimkehr zur Gitarre: Bloc Party ist sie 2012 mit „Four“ angetreten, jetzt ziehen die Editors nach. „The Weight Of Your Love“ heißt das vierte Album der Birminghamer Band, und man kann sagen: Es war keine leichte Geburt.

          Seit 2010 haben die vier Gründungsmitglieder Tom Smith (Gesang, Gitarre), Chris Urbanowicz (Gitarre), Russell Leetch (Bass) und Ed Lay (Schlagzeug) an den neuen Songs gearbeitet. Die Band verbrachte erfolglose Tage und Nächte im Studio, bis klarwurde: Mit Chris Urbanowicz funktioniert es nicht mehr. Die anderen drei wollten eine Gitarrenrock-Platte, „big and epic“, der Gitarrist nicht. So verließ Urbanowicz die Editors. Mit ihm ging der Produzent Flood, der für das dritte Album „In This Light And On This Evening“ verantwortlich zeichnete.

          Das verbliebene Trio holte sich Verstärkung von Justin Lockey (Gitarre) und Elliott Williams (Synthesizer, Hintergrundgesang). Beim belgischen Rock Werchter Festival im vergangenen Sommer testeten die Editors die neue Dynamik vor 60 000 Zuschauern - für Sänger Tom „one of the best shows we’ve ever done“. Den Produzenten Flood ersetzte der Amerikaner Jacquire King, der die Kings Of Leon auf deren Album „Come Around Sundown“ betreut hatte. Kein Wunder also, dass „The Weight Of Your Love“, aufgenommen in Nashville, Tennessee, amerikanischer klingt als seine Vorgänger.

          Mehr Gitarren, weniger Synthesizer

          Die Editors riskieren mit dieser Platte die ganz große Geste, „massive choruses, massive melodies“, wie der neue Gitarrist mitteilt. In den Texten dreht sich erwartungsgemäß alles um die Liebe - ein Thema, das Texter Tom Smith bisher komischerweise gemieden hatte. Er habe früher befürchtet, das sei zu „cheesy“ - nicht ganz zu Unrecht, möchte man meinen, wenn man die große Rosenblüte auf dem Albumcover betrachtet. An manchen Stellen haben die Editors eben doch zu dick aufgetragen: Der Falsett-Gesang in „What Is this Thing Called Love“ wäre nicht nötig gewesen, ebenso wenig die aufdringlichen Streicher in „Nothing“. Live, nur mit einer Akustikgitarre vorgetragen, klingt das Stück viel weniger kitschig. Zu oft hört man im Hintergrund ein „Ohohohooo“, damit sich auch ja alles ordentlich hymnisch anhört, in „Honesty“ zum Beispiel.

          Die auf dem letzten Album so dominanten Synthesizer spielen jetzt nur noch eine untergeordnete Rolle. Gleich im ersten Stück, „The Weight“, kommt die Gitarre voll zum Zug. Hinzu tritt dann der stampfende Beat, dann Tom Smith’ markante Stimme. Der Bass setzt ein, im Refrain das Keyboard - fertiggewebt ist der Editors-Klangteppich.

          Die neue Platte bietet regelrecht ohrwurmverdächtige Stücke wie „A Ton of Love“, „Sugar“ oder „Formaldehyde“. Zu den stärksten Songs gehört „Hyena“, das sich ausnahmsweise nicht der Liebe widmet. Die titelgebende Hyäne lacht hämisch über die Welt: „With all that lies in front of us / The world looks so ridiculous to me“. Diese eher düstere Stimmung teilt „Two Hearted Spider“, ein Lied, welches zeigt, dass die besseren Editors-Balladen eben doch ohne Streicher auskommen. Doch auch hier gerät das Ende etwas zu pompös.

          Eine willkommene Abwechslung bietet das folkige „Phone Book“, das zwar getragen, aber weniger pathetisch daherkommt. Man kommt gar nicht umhin, den Kopf im Takt zu wiegen und dem Sänger zu lauschen, wenn er singt: „What’s that over your shoulder? Fear of getting older“. Aber besteht denn schon Grund zur Angst vor dem Älterwerden?

          Alle vier Alben haben den Hörern etwas Neues geboten, andere Richtungen erforscht. Auch wenn die Editors auf „The Weight Of Your Love“ zur Gitarre zurückkehren, klingt es nicht nach alten Independent-Zeiten. Das ist gut so. Die Zukunft müssen die Editors nicht fürchten. Trotzdem ein Wunsch fürs nächste Mal: Etwas weniger Pathos tut’s auch.

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