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CD der Woche : Die englische Mensch-Maschine

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Codex” Bild: XL Recordings/Beggars Group

Was wollt Ihr mit Instrumenten? Die Musik ist doch auch so ganz wunderschön: Radiohead machen wieder einmal alles anders auf ihrem neuen Album, aber das mit Herz. „The King of Limbs“ ist ein herausforderndes Werk.

          Radiohead leben in ihrem eigenen Universum. Erwartungen der Hörer ignoriert die englische Band rigoros, aktuellen Trends blind hinterherzulaufen kommt für sie nicht in Frage - eigentlich ein Albtraum für jeden Manager. Und doch werden die ehemaligen Schulfreunde seit zwanzig Jahren von ein und demselben betreut. Radiohead sind die Ausnahme von der Regel, die da lautet: Erfolg hat, wer Alben produziert, die sich das Publikum wünscht.

          Den Grunge-Fans gaben sie 1995 „The Bends“, überzeugte Britpopper bekamen zwei Jahre später das experimentelle „OK Computer“ zu hören. Und all jene, die sich im Oktober 2000 auf weitere Songs à la „Karma Police“ oder „Paranoid Android“ freuten, wunderten sich über den elektronischen Sound von „Kid A“. Umso erregter die Gemüter, als die Band aus Oxfordshire vergangenen Valentinstag bekannt gab, bereits fünf Tage später ein neues Werk als Download zu veröffentlichen. Es passt zur Unberechenbarkeit von Radiohead, dass daraus schließlich nur vier wurden. Jetzt ist „The King Of Limbs“ auf CD und Vinyl erschienen.

          Refrains? Uninteressant. Strophen? Überflüssig

          Mit siebenunddreißig Minuten Spielzeit ist es das kürzeste ihrer acht Studioalben und wurde, wie alle seit „OK Computer“, wieder von Nigel Godrich produziert. Das avantgardistische Eröffnungsstück „Bloom“ gibt die Richtung vor: Zwei Klaviertöne bilden die Basis, über die Phil Selway einen scheppernden Breakbeat legt. Der Bass steigt mit einem ruhigen, aber umso eindringlicheren Lauf ein. Nach einer Minute beginnt Thom Yorke mit den Worten „Open your mouth wide/Universal sighs“, als wollte er seine Hörer auffordern, offen für das zu sein, was ihnen gleich verabreicht wird. Seine Stimme hallt durch den Raum, die letzten Silben einer Zeile sind bis zum Äußersten gedehnt. Schicht für Schicht türmt sich der Song auf und entzieht sich jeder stilistischen Einordnung. Es ist alles dabei: Synkopen, Übersteuerungen, sphärische Synthesizer, pulsierende Beats.

          Über weite Strecken wirkt das Album undurchdringlich, opak und rätselhaft - wie die tausend Jahre alte Eiche im südenglischen Savernake Forest, nach der es benannt zu sein scheint. Verschlungenen Ästen gleich, wächst „The King Of Limbs“ immer weiter, verzweigt sich, schlägt Wurzeln in den Gehörgängen. Mit jedem weiteren Durchlauf blitzen bislang unbemerkte Details auf, eröffnen sich neue Zugänge. Trotz aller musikalischen Komplexität wirkt kein Stück überladen, jedes Instrument dient dem atmosphärischen Gesamteindruck. So klingt eine Band, die niemandem etwas beweisen muss. Klassische Songstrukturen sucht man auf „The King Of Limbs“ vergeblich. Refrains? Uninteressant. Strophen? Überflüssig. Erst in der zweiten Hälfte des Albums verlagert sich der Fokus von der elektronischen Musik wieder etwas mehr in Richtung Alternative Rock. Und obwohl das Quintett in Thom Yorke, Jonny Greenwood und Ed O'Brien gleich drei hervorragende Gitarristen hat, spielt das Instrument diesmal nur eine untergeordnete Rolle.

          Gänsehautballade aus der Zukunft

          „Codex“ - sicher einer der schönsten Songs, die Radiohead je geschrieben haben - beginnt mit Yorkes Stimme, die nach einer Sekunde jäh abgeschnitten wird. Es erklingen simple, überwältigende Klavierakkorde, während der Gesang von Neuem einsetzt und ein kaum wahrnehmbarer Beat dem Stück seinen Herzschlag verleiht. Bläser und Streicher tauchen auf und verhallen wieder, hohe sphärische Klänge breiten sich im Hintergrund aus. Radiohead spielen ihr „The Long and Winding Road“ - eine Gänsehautballade aus der Zukunft.

          Besonders eindrucksvoll ist das Schlagzeug, das zusammen mit Colin Greenwoods prägnantem Bass diesmal stärker im Rampenlicht steht. Sei es der staubtrockene Funk von „Separator“ oder der hypnotische Afrobeat in „Morning Mr Magpie“ - Phil Selway hebt seinen motorischen Krautrock-Stil auf eine neue Stufe. Zuweilen wird sogar das kurze tiefe Einatmen von Thom Yorke zu einem Teil des Beats, während dunkle Bluesrockgitarren fieberhaft die Luft zerschneiden. Mit „Feral“ tasten sich Radiohead an Post-Dubstep heran, ohne gewollt hip zu klingen. Der Bass dominiert, es piepst und schnauft wie bei Zomby oder Ramadanman. Der an Kraftwerk erinnernde Gesang besteht lediglich aus Samples und Schnipseln, Yorke klingt wie eine Mensch-Maschine.

          Der Abstand zum übrigen Feld wird größer

          Mit dem durch Vogelgezwitscher eingeleiteten „Give Up the Ghost“ präsentiert die seit 1985 in unveränderter Besetzung spielende Band ihre ganz eigene Version eines Lagerfeuersongs: Durch das Klopfen auf der Westerngitarre und Yorkes vielstimmiges Falsett schimmert zuweilen der Independent-Folk eines Bon Iver.

          Auch wenn sich die Schönheit des Albums nicht beim ersten Durchgang erschließen mag: Mit „The King of Limbs“ haben Radiohead den Abstand zum Feld der übrigen Alternative-Rocker ein weiteres Mal vergrößert. Es ist ein herausforderndes Werk. Ähnlich einem Menschen, der auf den ersten Blick etwas verschlossen und merkwürdig wirkt, wächst es einem dafür umso stärker ans Herz.

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