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CD der Woche: Depeche Mode : Lasst die Tranquilizer ruhig zu Hause

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Soothe My Soul“ Bild: Anton Corbijn

Depeche Mode brauchen jetzt andere Drogen und finden ihren Seelenfrieden im Sex: Ihr Album „Delta Machine“ ist ein bluesiges Lob auf den Geschlechtsakt.

          Zunächst ist hier jetzt mal das fies fiepende Wort „Synthesizer-Pop“ zu entsorgen, denn wer Depeche Mode noch immer mit diesem Genrebegriff verbindet, der in den achtziger Jahren zu Recht wie ein Synonym an der damals frisurlich und musikalisch stilprägenden Gruppe klebte, hat deren Entwicklung bereits seit 1990 und damit deren beste Aufnahmen wohl verpasst.

          Auf „Delta Machine“, dem dreizehnten Album, zeigen sich Depeche Mode mehr denn je als Bluesband, die eben mit Synthesizern sowie mit einer durch zusätzliche Studioeffekte klanglich zerschredderten Slide- und Wah-Wah-Gitarre musiziert. Fast noch treffender ließe sich das Trio als Gospelgruppe bezeichnen, nicht nur, weil Sänger David Gahan, bei zunehmendem Alter mit immer kernigerem Büßerbariton, und der im Hintergrund wie ein klagender Engelsknabe singende Martin L. Gore ihre Lieder oft in inbrünstige Mehrstimmenrefrains treiben; sondern auch inhaltlich.

          Der Mississippi als Inspirationsquelle

          Über die tatsächliche Weltanschauung des Songschreibers Gore ist zwar immer noch nichts Näheres bekannt. Doch seine um Erlösung ringenden Texte haben einen entschieden christlichen Zug. Ständig ist von Seele und Sünde die Rede. Auch Gores verquälte Miene auf Fotografien lässt an einen Mönch denken, der in kalter Zelle trotz täglicher Selbstgeißelung teuflischen Versuchungen erliegt. Eine kratzige Kutte entspräche ihm besser als die schwarzledernen Rockermonturen von Depeche Mode.

          Etliches ist über Gahans und Gores mit Drogen und Alkohol betäubte und erzeugte Leiden publik geworden; rätselhaft bleibt dagegen bis heute, welchen Beitrag, seelischer oder musikalischer Art, eigentlich das dritte Mitglied Andrew Fletcher zur Gruppe leistet. Der Titel der neuen Platte, „Delta Machine“, spielt auf die Initialen des Bandnamens, die klangsteuernden Sequenzer und den rauhen Delta Blues vom Mississippi als Inspirationsquelle an.

          Während zu Beginn der neunziger Jahre nur vereinzelte Songs wie „Personal Jesus“ oder „Condemnation“ in diese Richtung wiesen, haben nun acht von dreizehn Stücken (die „Deluxe Edition“ wird noch vier weitere Titel enthalten) jene stark bluesige oder auch gospelige Anmutung. Überraschend sind die gutgelaunten Texte, die effektvoll mit düster, fiebrig und schmuddelig brodelnder Musik kontrastieren.

          Leiden in verschiedenen Tempi

          Während das Vorvorgängeralbum unter dem Motto „Pain and Suffering in Various Tempos“ stand, verkündet nun das erste Lied „Welcome to my World“ optimistisch: „Leave your Tranquilizers at home / You don’t need them anymore.“ Danach setzt „Angel“ mit aufreizend verschlepptem Rhythmus ein, rockt schließlich ekstatisch los, um im selig schmachtenden Refrain „I’ve found the Peace / I’ve been searching for“ zu gipfeln. Das lyrische Ich besingt so die Begegnung mit einem Liebesengel - und offenbart, dass es seinen Seelenfrieden dann doch nicht klösterlicher Askese verdankt, vielmehr beglückender Sexualität. Letztere wird durch zwei weitere, stilistisch ganz ähnliche Stücke gefeiert: „Slow“ ist eine genießerische sexuelle Regieanweisung. „Soothe my Soul“ - was für ein Hüft- und Hinternwackler von einem Song! - dürfte demnächst in den Konzertarenen für Begeisterung sorgen. Um Schmerz und Leid geht es natürlich auch dabei, allerdings widmen sich Depeche Mode jetzt fürsorglich und mitfühlend mehr dem Leiden der anderen, als dem eigenen. „I will scream the Word / Jump into the Void / I will guide the Hurt / Up to Heaven“ versprechen Gahan und Gore in „Heaven“.

          Gore ist ein begnadeter Pop-Komponist, der seit mehr als dreißig Jahren Melodien findet, die sogleich vertraut klingen, als hätten sie ein ganzes Leben lang schon in unserem Unterbewusstsein geschlummert, ohne dabei auch nur im Geringsten vorhersehbar zu sein. „Alone“ ist aber nun doch seine vielleicht ergreifendste Schöpfung, ein sphärischer Trauerhymnus zum Weinen und Niederknien, an ikonischer Qualität mit „Stripped“ von 1986 vergleichbar. Das Lied beklagt Verlust und Vergeblichkeit nach dem Ringen um einen geliebten Menschen: „I couldn’t save your Soul / I couldn’t even take you home / I couldn’t fill that Hole / Alone.“

          Nur ein Weg zum Seelenfrieden

          Zum Betriebsfrieden von Depeche Mode trägt bei, dass seit einigen Jahren auch David Gahan, früher nur Gores kongenialer Interpret, eigene Kompositionen beisteuern darf. Drei sind es auf „Delta Machine“, und sie fügen sich glatt ein, „Secret to the End“ und „Should be Higher“ erreichen sogar Goresche Klasse. Die Schlüsselmomente des Albums liefert allerdings weiterhin der Chefkomponist. „The Child Inside“ füllt die traditionelle Planstelle der schlafliedhaften, von Gore solistisch gesungenen Ballade. Die fulminante Preisung der Sexualität („There’s only one way / To soothe my soul“) leitet über zum triumphalen, alle Leiden der Vergangenheit transzendierenden Ausklang „Goodbye“.

          Popmusik bezieht ihre Vitalität in der Regel aus dem Überschwang der Jugend. Rezensenten, die behaupten, dass ein neues Werk deutlich in die Jahre gekommener Popkünstler alle ihre bisherigen übertreffe, sollte man nicht glauben, sondern unterstellen, dass bei solchen Urteilen auch Wunschdenken aufgrund alter Anhänglichkeit im Spiel ist. Hier allerdings liegt eine Ausnahme vor. Nach heißen Tränen und fröhlichen Tanzsprüngen um den Schreibtisch sagt zumindest der Rezensent: „Delta Machine“ ist die schönste Platte, die Depeche Mode jemals gemacht haben.

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