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CD der Woche: Daft Punk : Algo und Rhythmus machen Musik

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Giorgo by Moroder“ Bild: David Black

Den Körper im Visier: Das französische Duo Daft Punk definiert mit seinem neuem Album „Random Access Memories“, was Groove ist, und zwingt jeden, sich an den Tanz zu verlieren.

          3 Min.

          Der Mensch ist als Maschine viel interessanter, zumindest im Pop, wo man sich gern als Apparat verkleidet, um in neue artistische Gefilde vorzustoßen - Kraftwerk, Lady Gaga, zuletzt auch der Rapper Lil Wayne, der beteuert, kein menschliches Wesen zu sein. Umgekehrt aber wird die größere Herausforderung daraus: Maschinen verkleiden sich als Menschen und beschallen uns mit dem Sound einer fernen Zeit.

          Fern, nicht kommend, weil Daft Punks Ästhetik nicht im Futur spielt, sondern, ja wo eigentlich? „Wir arbeiten mit Flashbacks, um ein Fenster zu schaffen, durch das man aus der Zeit gelangt“, erklärte das Duo im Interview. Was ist das also für eine Rückbesinnung, mit der man ausgreift in unbekannte Sphären?

          Groove eröffnet Horizonte

          Daft Punks Idee ist die Einrichtung einer absurden Diskothek. Sie benutzen analoge Aufnahmetechniken, sie zitieren alle Stile der populären, aber auch der klassischen Musik, verpflichten exzellente Musiker für die Instrumentierung. Und dann speisen sie all dies in ihre Rechner ein und formen daraus einen raffinierten widersprüchlichen Sound. Funk trifft auf Rock, Soul auf Jazz, House auf Folk, es gibt auf diesem neuen Album kein Genre, das nicht wenigstens gestreift würde.

          Was dieses Klangpastiche verbindet, das ist der Groove. „Groove“ meint das Voranschreiten des Rhythmus, das Musik tanzbar macht. So lautet die technische Definition. Aber Groove ist auch Sexappeal, Drive, Energie. Groove ist zwanghaft, Lustgewinn liegt in der Wiederholung. Immer das gleiche Riff, immer der gleiche Beat, vielleicht alle paar Takte um eine Nuance erweitert. Groove ist ein Repetiergewehr, eine Mantramaschine, die logische Zusammenhänge kleinraspelt. Ein Popsong folgt immer noch einer wenn auch reduzierten Semantik, erzählt eine Geschichte. Groove legt keine Hierarchien an, sondern eröffnet Horizonte, ein akustischer Leitfaden in und durch die Bewegung, der immer nur auf sich selbst verweist.

          In die Hypnose getrieben

          Nile Rodgers spricht in einem das Album begleitenden Videoclip von der spirituellen Qualität des Groove und erinnert sich, wie er zum ersten Mal „Love to Love You, Baby“ von Donna Summer hörte. „Da war diese Magie, die meinen Körper einhüllte“, sagt der Mann, der später selber Groove-Klassiker schrieb, „Le Freak“ von Chic, „We Are Family“ von Sister Sledge, Dancetracks, die die Welt für ein paar Minuten in Rhythmus auflösen. Auf „Random Access Memories“ spielt er Gitarre, vor allem der Hit „Get Lucky“ wird getragen von seiner federnden Energie. Der Bass brummelt, darüber riffelt Rodgers ein jazziges Motiv, und der Sänger Pharell Williams erklärt mit schlankem Falsett: „We are out all night to get lucky.“

          Dieser Refrain ist eine Pointe, denn wer braucht noch die sexuelle Eroberung, den romantischen Triumph für eine Nacht, wenn der Körper schon dem Groove anheigefallen ist? „Lose Yourself to Dance“ heißt ein anderer Song, und darum geht es: Der Beat marschiert, klatschende Hände sekundieren, und Rodgers’ Funkgitarre treibt einen in die Hypnose.

          Algorithmenbekenntnisse aus der Gegenwart

          Die besten Stücke sind solche Groove-Exerzitien: „Giorgio by Moroder“, eine neunminütige Discohommage, in welcher der Donna-Summer-Produzent seinen Werdegang erzählt: wie er Ende der Sechziger der Kleinstadt entkam und als Musiker durch deutsche Nachtclubs zog; wie er den Synthesizer entdeckte, das maschinelle Erzeugen des Takts, und wie das epiphanische Züge annahm, dieses per Computer hergestellte Klicken, mit dem man die Marsch- und Glücksmusik für eine ganze Generation kreieren konnte.

          Die Ballade „The Game of Love“, mit einer lässig schlendernden Wahwah-Klampfe und maulenden Vocoder-Stimmen. „When you decided to go away!“, schluchzen sie - es klingt, als ob eine Maschine vom Ende des Humanums träumte. Oder der Song „Touch“: Disco, Ragtime, James-Last-Streicher-Geschäume und auf einmal monströs aufgeplusterte Hip-Hop-Beats, dass die Hirnrinde zittert. Dazu singt der Songwriter-Veteran Paul Williams: „A room within a room / A door behind a door / Tell me what you see / I need something more.“ Wer spricht so? Das Internet, dessen Grenzen zu unserer Realität verschwimmen? „You gave me much to feel / almost convinced me that I am real“: Algorithmenbekenntnisse aus der zukünftigen Gegenwart.

          Das ist schlüssig, weil diese herrlich schwingenden Aufnahmen ja von Maschinen erdacht sind, von Computern, die Hedi-Slimane-Anzüge tragen und sich nach unseren Körpern sehnen. Tell me what you see - wenn wir ins spiegelnde Visier eines Daft-Punk-Helms schauen, nur uns selbst. Hoffentlich tanzend.

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