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CD der Woche: „Cro „Raop“ : Ich wollte deine Hefte tragen

  • -Aktualisiert am

Bild: Chimperator

Wenn er rappt, wirkt es, als könnte sich Charlie Brown wie Proust erinnern: Der Schwabe Cro brilliert mit Beats, Reimen und raffinierter Naivität.

          Die Typenkomödie des Rap kennt zahlreiche Charaktermasken; in Deutschland hatten vor allem Rüpel und Clown Erfolg. Letzterer wurde tatsächlich von einem Maskierten verkörpert: Sido stilisierte lange vor Damien Hirst den Totenkopf zum ironischen Emblem und versilberte damit sein Image.

          Nun tritt ein Zwanzigjähriger mit Panda-Maske an: Cro aus Stuttgart, von Beruf Mediengestalter, ein Kreativer mit akademischem Background, kein Gangsterjunge aus dem Bauch Berlins. Seine Verkleidung kommentiert der Künstler so: „Wenn ich von der Bühne gehe, ist es wie ,Uniform aus, Privatleben an’.“ Pragmatischer lässt sich die Rolle dieser Unterhaltungsfachkraft kaum auf den Punkt bringen. Die Maske ist Gimmick, aber auch Arbeitsutensil im Feld der Avatare und Fiktionen, der Selbststilisierungen und Eigenentwürfe, kurz: im Internet, dem neuen und maßgeblichen Markt der Cro-Generation. Der Schwabe war nach nur einer Song-Veröffentlichung im Netz ein Star, zwei Millionen Mal wurde das Video zum Song „Easy“ angeklickt. Die folgenden Mixtapes zum kostenlosen Download schmälerten den Tauschwert der Cro-Projekte keineswegs, das nun erschienene Album „Raop“ steht bei iTunes schon auf Platz eins.

          Dort gehört es auch hin, denn wie hier, beschwingt von ausgetüftelt trivialen Arrangements, einige Grunderfahrungen unserer sehr anstrengenden, sehr komplizierten Gegenwart in den Blick geraten, das ist großartig. Da wäre zum einen das Problem der gestauchten, verdichteten Zeit, das Leben im schnellen Vorlauf. Vielleicht nehmen Zwanzigjährige das gesteigerte Tempo einfach als existentiellen Pulsschlag wahr, aber warum wird in den Cro-Songs dann diese wunderbare Wehmütigkeit erzeugt?

          In „Nie mehr“ klappert der Bass, der Beat hüpft frohgemut voran, es könnte das Jingle zu einer Kindersendung sein. Dann wird die Schulzeit heraufbeschworen: „2006 kommt mir vor, als ob es gestern war / Ich stand auf dem Pausenhof und wollte deine Hefte tragen.“ Wer hätte gedacht, dass sich Charlie Brown wie Proust erinnern kann? „Vielen Dank“, heißt es ein paar Zeilen später, an eine ehemalige Lehrerin gerichtet. „Vielen Dank für die wunderschöne Zeit, ich werd sie nicht vergessen.“ Könnte es sein, dass diese Generation derart beschleunigt lebt, dass sie viel schneller jene Erfahrungsmenge anhäuft, angesichts derer sich Nostalgie als plausibles Lebensgefühl einstellt? Zitat aus dem Stück „Papa schüttelt seinen Kopf“: „Ihr musstet einen Flug buchen und euch in ein Zelt setzen / Wir können mit Youtube und Facebook um die Welt chatten.“

          Es stimmt: Die Bewohner der vordigitalen Sphäre brauchten (oder hatten?) so viel mehr Zeit und Raum, um ihren Erfahrungshorizont zu bilden. Schon als Barde der Websurfer, als sprechsingender Beach Boy an den Gestaden des Datenmeers wäre Cro absolut einleuchtend, amüsant, überzeugend. Aber dann wird in diesen Songs noch etwas anderes deutlich, gerade weil sie streckenweise wie Tokio Hotel klingen, die sich mit Markus (“Ich geb Gas, ich will Spaß!“) eingelassen haben: Sie sind, ähnlich den nachgebauten Schlossruinen in den Parks der bürgerlichen Epoche, Soundkulissen für eine neue, in urbanen Milieus kursierende Sentimentalität. Die Gitarren schrammeln, als wär’s Hitparadenzeit mit Dieter Thomas Heck, und Cro singt: „Wir hängen in Bars rum / Schließen die Augen, und wieder ist ein Jahr um.“ Das trifft sehr gut den Typus der Mittdreißiger bis Mittvierziger im Berliner Prenzlauer Berg oder an der Hamburger Sternschanze. Eine Existenz, die sich vom Ästhetischen (Pop) irgendwie zum Praktischen (der Rest) wandeln muss, dagegen aber mit asymmetrischen Frisuren, Designerturnschuhen und kunstvoll gefledderten T-Shirts angeht, kann sich hier musikalisch besichtigen.

          Der Soulpop-Gassenhauer „Wie ich bin“ erzählt deshalb nicht nur vom Egoexzess eines Bühnenstars, sondern auch von der narzisstischen Misere der Männer der 89er-Generation. „Geht es um Fraun / Bin ich der King / Lebe den Traum / Will niemals ein Kind“ - das ist soziale Pornographie aus der Imagination des jungen Familienvaters, der zwischen sogenannten Meetings und Briefings das Wochenende mit den Kindern plant. „Und wenn ich’s nicht hab / Dann gib es mir her / Und wenn ich’s dann hab / Dann will ich noch mehr“. Solche Reime hört der flexible Zeitgenosse mit wohliger Resignation, wohlwissend, dass Festvertrag und Eigenheim sehr wahrscheinlich der Vergangenheit angehören. Der Ausweg? Akzeptanz, veredelt mit Humor. Wie sagt Cro: „Das Leben ist zu kurz, um den USB-Stick sicher auszuwerfen.“

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