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CD der Woche: Cody Chesnutt : Das Jahr der Seele

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Til I met Thee“ Bild: One Little Indian

Auf seinem neuen Album zeigt Cody Chesnutt alles, was er hat - und erneuert so den symphonischen Funk. „Landing on a Hundred“ bietet die überzeugendsten Souldramen der vergangenen Jahre.

          2 Min.

          Sternstunden des Soul lassen sich nicht erzwingen. Und auch wenn die Major-Plattenfirmen fast monatlich neue angebliche Soulhoffnungen nach exakt getaktetem Businessplan in die Arena der Popmusik schleudern, beweist Cody Chesnutts höchst sprunghafte Karriere, dass sich die wahrhaft großen Würfe wohl eher den Gesetzen des Marktes zum Trotz ereignen.

          Der vierundvierzigjährige, aus Atlanta stammende und spät zu seiner Berufung gekommene Soulsänger Chesnutt hatte bereits über ein Jahrzehnt an seinem Musikertraum gewerkelt, als er 2002 sein Debüt „The Headphone Masterpiece“ veröffentlichte. Es war ein sehr persönliches Bekenntnis in nicht weniger als 36 Songs - und eines der Alben, auf die sich damals alle einigen konnten: Was hätte besser als Gegengift zum überpolierten, aber oft inhaltsfreien Mainstream des Rhythm’n’Blues wirken können als diese Sammlung genialischer, aber unfertig wirkender Demos voller Lo-Fi-Charme?

          Und als die HipHop-Band The Roots kurz darauf einen seiner Songs mit Chesnutt selbst als Sänger und Gitarristen coverte, landete der Mann seinen bisher einzigen Hit: „The Seed“. Zehn Jahre sind seitdem vergangen: Zeit, die Cody offensichtlich nutzte, um sich noch tiefer in die Geschichte der schwarzen Musik hineinzuwühlen.

          Leidenschaft und Intimität

          Sein neues Werk „Landing on a Hundred“ jedenfalls ist ein Soulalbum, das auf Anhieb das Prädikat „klassisch“ evoziert, und zwar nicht nur im Sinne technischer Vollkommenheit. Sondern auch weil dieses Album klingt, als wäre es damals entstanden, als diese Musik ihre hohe Zeit erlebte.

          Tatsächlich hat sich der Sänger für einen Teil der Aufnahmen einen mythenbefrachteten Ort des Soul gesucht: Die Royal Studios in Memphis. Hier haben einst Al Green, O. V. Wright, Syl Johnson und Ann Peebles ihre Southern-Soul-Hits eingespielt. Nun jagt Chesnutt sein unwiderstehliches Falsett durch das selbe Mikrofon, das einst Al Green benutzte, er fährt jede Menge Streicher und Bläser auf, um die Funk-Symphonik der siebziger Jahre nicht nur wiederzubeleben, sondern mit einer Dringlichkeit, die selbst vielen HipHop-Neuerscheinungen abgeht, im Hier und Jetzt zu feiern.

          Da trifft Leidenschaft auf Intimität. Auch wenn vieles in den Kölner SuPow Studios des Co-Produzenten und Soul- und Reggaemusikers Patrice digital nachbearbeitet wurde, strahlen die Aufnahmen immer noch die Wärme der alten Analogtechnik aus, mit welcher auch die Hits von Al Green aufgenommen wurden.

          Und wo wir schon bei den Referenzen sind: Auch Marvin Gaye und Curtis Mayfield geistern wie gute Onkel durch die Musik auf diesem Album. Vor allem wenn Chesnutt sein Falsett ausreizt und sich über trockenen Funk-Gitarren, subtilen Bläsereinschüben und Orgelschattierungen an seiner Seelenläuterung abarbeitet.

          Liebeserklärung an Gott

          Schon der gospelige Opener „Til I Met Thee“ ist eine Offenbarung. „I was a dead man, I was asleep / I was a stranger in a foreign land until I met thee“, heißt es darin, und erst im Laufe des Songs wird klar, dass sich die Liebeserklärung nicht an einen Menschen, sondern an Gott richtet.

          Außer vielleicht Anthony Hamilton hat zuletzt niemand das Erbe des Southern Soul so glaubwürdig in die HipHop-Gegenwart herübergerettet wie Cody Chesnutt. Und dieser hat mehr als nur den Stax-Katalog durchgehört. Wenn er auf „I’ve Been Life“ die Nationen Afrikas und ihr großes kulturelles Erbe anruft, klingt sowohl der Stevie Wonder von „Innervisions“ durch als auch der Afrozentrismus des frühen HipHop.

          An anderer Stelle - welcher Soulmann dürfte das vergessen? - zollt er seiner Mutter Tribut: „Who ya gonna call now when the lawyer call your name?“ Natürlich „Mama“. Chesnutt wird in diesem Song wieder zum Schuljungen.

          Dann wieder singt er über seine Befreiung von der Crack-Sucht. Die Lyrics haben oft den erratischen Charakter von Tagebucheinträgen - und das ist gut so. Denn Cody Chesnutts Stärke liegt in seiner Fähigkeit, gesellschaftskritische Beobachtungen, politischen Anspruch und romantische Schwelgereien miteinander in Einklang zu bringen.

          Der Albumtitel „Landing On A Hundred“ spielt mit einem Slang-Sprichwort: „Keeping it one hundred“, heißt soviel wie „mit der ganzen Wahrheit herausrücken“. Cody Chesnutt zeigt auf diesem Album alles, was er hat. Und verbindet das Wahre mit dem Schönen zum überzeugendsten Souldrama der vergangenen Jahre.

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