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CD der Woche: Cher : Nur eine Föhnwelle weit entfernt

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „My Love“ Bild: Warner Music

Frauen dieser Welt, schließt euch zusammen! Cher mit neuem Look, neuer Platte und dem bewährten Talent für die Kunst im Kitsch.

          Pop ist ein Kostümfest, und jeder Star hat seine Lieblingsrequisite. Bei Cher ist dies die Perücke. Überhaupt kann ihre Karriere als Leistungsschau der gehobenen Coiffure betrachtet werden, was die Geschichte an Haartrachten hergibt hat sie sich buchstäblich selbst auferlegt. Märchenhexe, Rockerbraut, Hippiegirl - ein neuer Typus war oft nur eine Föhnwelle weit entfernt.

          Die Frisuren sind der Rahmen für ein Gesicht, das aus der Renaissance zu kommen scheint und bis heute in eine diffuse Zukunft weist. Die Kuppelstirn, der lang gestreckte Kopf, die weit gespannten Brauen: Es gibt etwas Alienhaftes in diesen Zügen, eine Physiognomie, die fremd bleibt, auch wenn sie bekannt ist bis in die entlegensten Weltgegenden hinein.

          Das Gesicht als sein eigenes Logo, das schaffen nur wenige - Michael Jackson, Karl Lagerfeld -, und diese Abstraktion von der natürlichen Vorlage hat sich im Lauf der Zeit auch auf die Stimme ausgedehnt. Chers kehliger Alt war schon immer verführerisch und zugleich distanziert, mittlerweile ist daraus ein paradoxer Sound geworden, der Klang erotischer Teilnahmslosigkeit. Man erkennt sie sofort, ihr Organ ist unverwechselbar, selbst wenn es mit digitalen Mätzchen verfremdet wird. Gleichzeitig lässt sie sich parodieren wie nur wenige Popikonen. Die Komikerin Kathy Griffin hat das wunderbar vorgemacht, dieses brüchige Timbre mit seinen absurden Nuancen. Phonetik zwischen Raspeln und Jodeln, Diven-Singsang und Working-class-Härte.

          Cher kommt aus ärmsten Verhältnissen, und dass ihre Künstlerpersona einerseits alles Pragmatische abgestreift hat und andererseits ihr Auftreten immer exzentrisch genug war, um ein großer, bisweilen sogar ordinärer Spaß zu sein, das hat ihr eine loyale Fangemeinde eingetragen. Die Konzerte ihrer geplanten Amerika-Tournee sind annähernd ausverkauft; man will wieder ihr Zirkustalent bewundern, wie sie aus einer Mehrzweckhalle eine Manege für glitzernde Attraktionen macht. Bis zu siebzehn Mal zieht sie sich um während einer Show, so verlangt es das Arbeitsethos der Entertainerin, die jahrelang in Las Vegas geschuftet hat. Zwei Casino-Auftritte pro Tag, fünf Tage die Woche. Das ist auch ein Kniff dieser Biographie: dass die Exzentrik der Performance perfekt zugeschnitten ist auf einen enormen Leistungswillen. Im Bild des Outfits gesprochen: kapitalistische Maßarbeit mit feministischer Polsterung.

          Heute gibt sie das Pin-up

          Muss man all das erwähnen, wenn es doch um Musik gehen soll, das neue Album, nach zwölf Jahren Pause? Unbedingt, weil schon die Präsentation des Ganzen der Cher-Idee eine tolle Facette hinzufügt. Da sitzt sie nun im Negligé, hineingeräkelt in einen Berg weißer Bettwäsche. Sie hat, um den Blick des Betrachters zu erwidern, ihr Haar zurückgeschoben, Haar so blond, dass Märchenprinzessinnen neidisch werden müssen.

          In den Neunzigern hat sie sich beschwert, dass „Vogue“ sie für Fotos buchte, aber nicht auf die Titelseite nahm - „es hieß, dunkle Haare und Augen verkaufen sich schlechter“. Fürs Cover der CD hat sich die Siebenundsechzigjährige nun als leuchtendes Pin-up inszeniert. Nicht nur ihr Haar, die ganze Person scheint blondiert. Faszinierend, wie man die Idee der Blondine, also das Klischee sexueller Verfügbarkeit, derart auf den Look als Ganzes ausdehnen kann, dass die Bloßstellung wie eine Verhüllung wirkt. So hell schimmert dieses Bild, es scheint überbelichtet. Wenn wir die etablierten, gut verwertbaren Images von Ruhm und Begehren nur stark genug beleuchten, von innen, aus der Logik ihrer eigenen Berechnung und Berechenbarkeit heraus, dann werden sie irgendwann verblassen.

          Der Albumtitel ist eine weitere Pointe: „Closer to the Truth“. Aber welcher Wahrheit sollen wir uns nähern, wenn uns die Künstlerin als Schemen entgegentritt? „Ich singe Lieder aus fünfunddreißig Jahren Karriere, obwohl ich doch erst knapp über dreißig bin“ - auch so ein Cher-Satz, aber er illustriert das Verfahren: Meine Bedeutung ist phänomenal, nicht empirisch, ich existiere in absurden Zeitverhältnissen, und Schönheitsoperationen sind keine Anbiederungen an den ästhetischen Mainstream, sondern Variationen eines Kostüms. Wer würde einem Couturier vorwerfen, den Sitz seiner Garderobe nachzubessern?

          House regiert

          Am kommenden Samstag soll sie bei Lanz auftreten, sie wird den Hit der Platte spielen, „Woman’s world“. Synthesizerfanfaren, Stampfbeat, Disco in seiner Vulgärfassung, spielbar im Robinson-Club, in Abtanzbunkern von Berlin bis Bielefeld oder im heimischen Partykeller. „Frauen dieser Welt, schließt euch zusammen!“, heißt es im Refrain. Eine weibliche Internationale, das klingt gut, gerade in diesen Zeiten. Aber Cher macht das schon so lange, man hat fast vergessen, dass sie nach Barbra Streisand die einzige Frau ist, die einen Oscar und einen Nummer-eins-Hit im selben Jahr verbuchen konnte.

          Auch der Rest der Platte: House, zielgruppenübergreifend. Hämmernde Pianos, sägende Streicher, auch mal Gitarrengezupfe zwischendrin, für die auf Neocountry getrimmte Balladenverschnaufpause. Kann man so weghören, Markus Lanz wird sich nicht überfordert fühlen.

          Mit einer entscheidenden Betonung

          Das heißt, kein Moment der Wahrheit, auch nicht der inszenierten, artistisch verspielten, als Pop-Tand verkleideten?

          Der Song „My Love“. Galoppierende Drums, für die das Wort kesseln erfunden wurde. „Hab gehört, du willst was darstellen, aber du strahlst doch schon so wunderbar.“ Chers kehligste Kummerliebesstimme, die Synthies fräsen sich durch die Kadenzen. „Wenn du doch nur sehen könntest, was ich sehe!“ Kessel, schepper. „Du bist nicht allein, denn ich kenn einen Ort wo du hingehörst.“ Kessel, kessel. Und dann: „You can be my love.“ Betonung auf „my“. Das lässt sich noch nicht einmal übersetzen, so kitschig und rührend und utopisch und herrlich ist das. „You can be my love.“ Echt wahr? Danke, Cher.

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