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CD der Woche: Charlotte Gainsbourg : Der Himmel kann warten

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „IRM˝ Bild: Warner Music

Vor drei Jahren halfen ihr Air und Jarvis Cocker, jetzt musste Beck ran, und dieses Mal konnte sie sich nicht aus der Affäre stehlen, sondern musste richtig singen: Charlotte Gainsbourgs neues Album schwankt zwischen spielerischer Leichtigkeit und stimmlichen Barrieren.

          Das Interessanteste an Charlotte Gainsbourg ist wohl der Zweifel. Natürlich ist die Französin auch eine berühmte Schauspielerin und außerdem die Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg; aber auch das alles wäre vermutlich irgendwann nicht mehr der Rede wert, würde Charlotte Gainsbourg nicht immer wieder, ja, in beinahe jedem Interview betonen, wie unsicher sie sich angesichts der meistens selbstgestellten Aufgaben fühlt, wie sie zweifelt und wie angewiesen sie auf Lob, Unterstützung und Anerkennung ist. Natürlich wirft man ihr dann zuweilen Koketterie vor, schließlich ist die Frau eine Schauspielerin. Aber sie erwidert stets, wie ernst ihr das sei, und man mag ihr das gerne glauben. Ist doch schön zu hören, dass auch die Gainsbourg zuweilen den Eindruck hat, nur Gast im eigenen Leben zu sein. Wer hat das nicht?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wenn deswegen also anlässlich ihres neuen, am Freitag erschienenen Albums wieder viel davon zu lesen sein wird, dass Charlotte Gainsbourg ein wunderbar mädchenhaftes Wesen ist, dessen große Stärke darin liege, seine Geheimnisse für sich behalten zu können, dann hat das auch etwas mit uns zu tun. Damit, dass man sie einfach gerne als eine unter Gleichen, als eine von schnöder Normalität geprägte Frau sehen würde - die sie natürlich nicht ist. Charlotte Gainsbourg mag extrem scheu daherkommen, sie gehört aber zu der sehr weit verbreiteten Sorte von Künstlern, die ihre Schüchternheit in den Dienst kreativer Prozesse stellen und auf diese Art zumindest phasenweise überwinden.

          Schüchterne Vorlagen

          So ist vermutlich auch ihr Plan zu verstehen, das neue Album „IRM“ demnächst auf ein paar Konzerten zu präsentieren. Dazu, so hat sie gesagt, habe sie sich bei ihrer letzten Platte „5.55“ noch nicht bereit gefühlt; nun aber, mit der Truppe, die der amerikanische Musiker Beck zusammengestellt hat, kann sie es sich vorstellen.

          Denn dieses Mal war es Beck, der für Charlotte Gainsbourg die Steigbügel hielt. Er hat nicht nur die Tour organisiert, sondern auch die Musik und die Texte zu ihrem Album geschrieben, er hat den Part übernommen, den sich bei „5.55“ noch die beiden Herren des Elektropop-Duos „Air“, Nicolas Godin und Jean-Benot Dunckel, sowie der „Pulp“ Sänger Jarvis Cocker und Neil Hannon teilten. Entstanden ist das neue Album denn auch bei Beck Hansen zu Hause in Los Angeles, wo Charlotte Gainsbourg ihn mehrmals besucht hat: Beck begann den Tag an der Gitarre, es folgte ein am Schlagzeug oder dem Synthesizer entworfener Rhythmus, von dem sich Gainsbourg zu improvisierten Wortkaskaden inspirieren ließ. Diese Textskizzen hat sie ihm dann „schüchtern vorgelegt“, wie sie sagte. Und er ist, so wie ehemals Jarvis Cocker, in ihr Universum gekrochen und hat daraus ein schönes Album hervorgeholt.

          Becks Handschrift

          Das stichwortgebende Thema war allerdings weniger nett. Charlotte Gainsbourg hatte sich im Urlaub vor zwei Jahren bei einem Wasserskiunfall eine Hirnblutung zugezogen, sie wurde operiert und mehrmals zur Kernspintomographie in eine Röhre geschoben, die ihr nach eigenem Bekunden Angst gemacht hat: IRM steht für den französischen Begriff „Imagerie par résonance magnétique“, der gleichnamige Titelsong lässt sich als eine Art Geisterbeschwörung verstehen und klingt auch so. „Leave my head demagnetized, tell me where the trauma lies“, singt Gainsbourg zu percussionartigen Trommelklängen, die sich um einen dunklen, durchdringenden Ton aus dem Synthesizer legen, der die Maschine imitiert.

          In „Voyage“, das in englischen und französischen Gesangsfetzen gleichzeitig eine Hommage an den Célinschen Roman und an Gainsbourgs eigene letzte Platte ist, die eine Ode an die Nacht war, gesellen sich dann zu den Trommeln noch die Streicher hinzu. Und in dem Duett „Heaven can wait“, das Gainsbourg und Beck gemeinsam singen, kommen die Bläser zu ihrem Recht, was dann verstärkt durch ein Tamburin so klingt, als grüßten tatsächlich von Ferne die Beatles. Das alles hört sich an wie Collagenmusik, eine Mischung aus Elektro, Pop, Folk und Chanson, unglaublich komplex und doch so spielerisch, dass man den Eindruck nicht los wird, die beiden machten sich ständig über ihre eigene Arbeit lustig - während unsereins sich über die Mühelosigkeit freut, mit der das gelingt. Überdeutlich liegt diesem Album jedenfalls die Handschrift von Beck zugrunde.

          Gesangsbarrieren

          Es ist stark anzunehmen, dass er es war, der mit ausreichend Rhythmusobsession und seinen Tausendsassa-Fähigkeiten den Resonanzrahmen für „IRM“ geschaffen hat, den man Charlotte Gainsbourg im Alleingang nicht recht zutrauen mag. Irgendwie folgerichtig endet die Platte dann auch mit „La collectionneuse“, das wie ein Resumee des ganzen Projektes wirkt: „I collect many things, and keep them all close to me“, heißt es darin; Zitate aus Gedichten von Apollinaire schlagen den Bogen zu den französischen Wurzeln von Gainsbourg. „La collectionneuse“, das wäre dann sie selbst, „the collector“ ihr Kollege Beck.

          Und doch bleibt kurioserweise als einziger Wermutstropfen an diesem Werk dann tatsächlich Charlotte Gainsbourg selbst. Das ist ein Déjà-vu-Erlebnis, denn bei ihrem letzten Album war es nicht anders. Hat sie sich auf „5.55“ noch aus der Affäre zu stehlen versucht, indem sie eigentlich mehr flüsterte und säuselte als sang, traut sie sich dieses Mal mehr Gesang zu und offenbart damit eine Schwäche. Denn singen kann sie immer noch nicht. Genauso wie beim letzten Mal macht das aber beinahe gar nichts aus. Denn „IRM“ ist trotzdem ein tolles Album geworden; sicherlich keines, mit dem sie aus dem Schatten ihres Sänger-Vaters heraustreten könnte, aber eines, an dessen improvisationshafter Melange aus Alt und Neu der selige Serge seine Freude gehabt hätte. Zweifellos.

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