https://www.faz.net/-gsd-6xlj1

CD der Woche : Briefe in Hexametern

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „My Valentine“ Bild: Hear Music 1866746 (Universal)

Sankt Paul und Ringo Rumpel: Zweimal Vergangenheitsbewältigung durch Ex-Beatles – der eine habilitiert sich, der andere rockt das Altersheim.

          Der stärkste meiner Feldherren übernehme das Reich, sprach der Hegemon und verschied. Das bin doch ich, dachte ein jeglicher, und ein großes Gehaue hob an. So in Makedonien. Im Weltreich des Pop begannen die Diadochenkämpfe sogar schon vor dem Ableben des göttergleichen Herrschers. Ausgerechnet der Zurückhaltendste, George Harrison, lag zunächst vorn: Martin Scorsese hat dem spirituellen Avantgardisten soeben ein Denkmal gesetzt.

          Die Gefährten aber steckten nicht zurück, weder Paul McCartney, der sich stets als Haupterbe der Beatles sah, was zumindest im Hinblick auf das Songwriting fraglos stimmt, noch Richard Starkey alias Ringo Starr, der, stimmlich nicht unbedingt begnadet, in Windeseile Musikstile und Projekte wechselte, bis er irgendwann verstummte, um in den Neunzigern als Liebe und Frieden bringender Vollblutoptimist wiederzukehren. Seither sind seine Finger permanent zur Peace-Geste gespreizt, welche aber nun einmal – Achtung, Paul! – deckungsgleich mit dem Victory-Zeichen ist.

          Eine Zeitreise von seltener Perfektion

          Zeitgleich haben nun die Granden, beide um die siebzig, neue Alben auf den Markt geworfen, die gerade wegen aller Rivalitäts-Dementis zum Vergleich herausfordern. Sie sind grundverschieden, arbeiten sich jedoch beide an der Vergangenheit ab. Eine Hommage an die Heroen des Great American Songbook liefert McCartney ab, sozusagen das „Prequel“ zu den Beatles. Es soll den Einfluss von Swing und Jazz auf die Fab Four belegen, der allerdings nie in Frage stand. Sir Paul wollte wohl vor allem seine überzeugende, wenngleich in den hohen Registern etwas dünne Stimme spazieren führen, die Tradition ehren und in Kindheitserinnerungen schwelgen. Und das sei ihm ebenso gegönnt wie Nat King Coles Originalmikrofon.

          Einige unerwartete Titel haben McCartney und Produzent Tommy LiPuma zusammengesucht, stets von Diana Krall auf dem Piano begleitet, mitunter auch vom London Symphony Orchestra und illustren Gästen wie Eric Clapton oder Stevie Wonder, und ja, man fühlt sich vom ersten Drum-Besenstrich an in die Zeit der Great Depression versetzt. Gleichwohl klingt alles ein wenig nach Arte-Themenabend oder Hintergrundmusik in einer überteuerten Hotelbar, zumal dieselbe Zeitreise schon von Phil Collins, Rod Stewart, Robbie Williams und anderen unternommen wurde, wenn auch selten so ernst und perfekt wie hier.

          Ton in Ton fügen sich die beiden Eigenkompositionen im altehrwürdigen Stil ein, „My Valentine“, an einem regnerischen Marokko-Nachmittag geschrieben, und „Only Our Hearts“: zwei Hymnen McCartneys an seine dritte Frau Nancy. Im atmosphärischen Eröffnungsstück „I’m Gonna Sit Right Down And Write Myself A Letter“, komponiert 1935 von Fred Ahlert zum Text von Joseph Young, findet sich die Zeile: „Kisses on the bottom“. Der Titel bedeutet also nicht (nur), dass der Musikgeschichte der Allerwerteste geküsst wird. Ein, quasi in Hexametern verfasster, Brief an sich selbst, das ist jedenfalls ein gutes Bild für dieses letztlich doch etwas streberhaft anmutende Werk.

          Freude, die sich überträgt

          Ringo Starr dagegen restauriert die Vergangenheit nicht, sondern schäkert mit ihr. Frech hätte er sein druckvolles Album beinahe „Wings“ genannt – wie McCartneys Band. Nun heißt es schlicht „Ringo 2012“, erinnert also an den Solo-Durchbruch „Ringo“ von 1973. „Step Lightly“ und „Wings“ wurden neu eingespielt und mit mehr Reggae abgeschmeckt. Gut gelaunt swingt und bluest das Album vor sich hin, kennt keine Angst vor großen Hintergrund-Chören. Der Rock kommt nicht zu kurz, hervorragend etwa das flotte Leadbelly-Cover „Rock Island Line“. Dieser Drummer, der heute besser aussieht als je zuvor und der auf dem Cover natürlich wieder das V-Zeichen macht, muss niemandem mehr etwas beweisen. Er genießt es einfach, mit gefragten Profis Musik zu machen, die nicht für die Ewigkeit ist, weil er die Ewigkeit längst bedient hat. Und dabei gelingen ihm direkte, begeisternde Songs, die ohne musikhistorischen Unterbau funktionieren.

          Natürlich blickt auch Ringo Starr zurück. So befindet er sich wieder jung und knospend „In Liverpool“, was auch eine Wiedergutmachung ist für die übel aufgestoßene Bemerkung, er vermisse nichts an dieser Stadt: „Me and the boys, me and the gang, living out phantasies/Breaking the rules, acting like fools, that’s how it was for me/How was it for you?“ Allein diese Frage! McCartney würde sie gar nicht einfallen. Das gemeinsam mit Dave Stewart von den Eurythmics komponierte Lalala-Lied hat eine solide Gitarren-Schlagzeug-Struktur, dazu Streicher, Piano, Chor, fertig ist die Hütte. Am stärksten hallen wohl das erste und letzte Stück des Albums nach, die mit dem erfolgreichen Musikproduzenten Glen Ballard verfasste Slow-Rock-Nummer „Anthem“, in der idiotischerweise die Love-and-Peace-Armee marschiert, und der unter Beteiligung von Joe Walsh entstandene und keineswegs langsame Titel „Slow Down“, eine Art bescheuerter Freudentanz, weil man in den wilden Jahren dabei war und immer noch da ist. Diese Freude überträgt sich.

          Zwei Quastenflosser also: Der eine legt eine Art Habilitation vor, der andere rockt das Altersheim. Was verdienstvoller ist, lässt sich schwer entscheiden, ist vielleicht aber auch nicht entscheidend, denn Diadochenreiche sind ohnehin nur Provisorien.

          Weitere Themen

          Wenn der Wolf zutage tritt

          Fontane als Comic : Wenn der Wolf zutage tritt

          Comic-Helden wie Lucky Luke, Asterix und Spiderman haben Kultstatus, nicht nur bei Kindern – aber die deutsche Literatur des Realismus in Comicstrips und Sprechblasen? Birgit Weyhe macht aus Fontanes „Unterm Birnbaum“ einen Comic.

          Topmeldungen

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.