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CD der Woche : Aus tiefster Not schreit er zu ihm

  • -Aktualisiert am

Hörprobe:„Roll On John” Bild: Sony Music

Es ist nicht das erste und hoffentlich auch nicht das letzte religiöse Album von Bob Dylan. „Tempest“ aber überzeugt selbst Zweifler: Huldigung eines Theologen.

          Noch im vergangenen Jahr, nach Besuch seiner Shows, war man sich sicher: Mit dieser Stimme spielt er kein neues Album mehr ein. Spätestens seit 1970, als er sich endgültig gegen eine damals noch mögliche „schöne“ Stimme („Nashville Skyline“, „New Morning“) entschieden hatte, bestand seine Ausdruckskunst darin, ihr in den unterschiedlichen Stadien ihrer Zerstörtheit eine künstlerische Gestalt zu geben. Schließlich, im Jahr seines siebzigsten Geburtstags, schien er aus ihrer Zerschlissenheit nichts mehr machen zu können, sondern ihr komplett ausgeliefert zu sein. Bloß in einigen langsamen Stücken, vorgetragen ungeschützt am CenterStage-Mikrofon, gelang es ihm noch einmal, indem er sich der unendlichen Geschwächtheit einfach hingab, zu einem Ausdruck zartester Intensität zu kommen, auf der anderen Seite jeden Ausdruckswillens. Und die Songauswahl, ihre dramaturgische Performanz, war düsterer denn je. Hieß es noch 1997: „It’s not dark yet, but it’s gettin’ there“, und war dies schon eines seiner ungetröstetsten Lieder, so musste es nun heißen: He has been gotten there.

          Doch jetzt, ein Jahr später: die Stimme kräftig, in shape, und vor allem: ein Flügel auf der Bühne. Das war schon vorgekommen und doch meistens Requisit geblieben. Diesmal aber: Er beginnt am Keyboard, drückt seine Kirchweihorgel-Cluster in den Bandsound, wechselt kurz zur Gitarre, hinterlässt einen Fingerzeig und spielt dann tatsächlich über weite Strecken am Flügel. Und endlich bestätigt er live und in Person, nämlich am prädestinierten Instrument, dass er der Thelonious Monk der Folkmusik hätte werden können, wenn er sich getraut hätte, das zu tun, was man Monk vorgeworfen hat: nicht spielen zu können. Was für eine geniale musikalische Inkompetenz hat Monk am Klavier hervorgebracht, und was hätte Bob Dylan, wie er am Flügel demonstriert, an der Gitarre entdecken können!

          Eine zeitgemäße religiöse Geste

          Wer so gegen den Sog von Virtuosität und Kompetenz anrennt, wer den Fehler zum Prinzip seiner Kreativität macht, hat Not: immer noch Sturm. Dylan legt Wert auf die Artikellosigkeit und deswegen Un-Shakespearehaftigkeit des Albumtitels; das allein ist vielleicht kein Grund, nun gleich an Peter Handke zu denken, doch dessen „Immer noch“ wäre eine gute Auslegung der Artikellosigkeit des Sturms bei Dylan.

          Was also ist das für ein Album, das unerwartete? Es ist ein ungewolltes oder ein zweitgewolltes. Eigentlich, so hat er zu Protokoll gegeben (in einem Interview für den amerikanischen „Rolling Stone“), wollte er ein religiöses Album machen. Aber dazu habe es ihm am Ende an ausreichendem Material gefehlt, und so sei nun dieses herausgekommen. Ein ausdrücklich religiöses Album von Bob Dylan, ein halbes Menschenleben, nachdem er vom christlichen Wiedergeborenentum abgelassen hat? Was würde das sein? Die Antwort liefert vielleicht dieses Anstatt-Album: Das „Anstatt“ könnte eine zeitgemäße religiöse Geste sein. So viel Religionspräsenz wird neuerdings beschworen, dass auch der Fromme ins Zweifeln kommen kann. Vor allem aber ist die Geste des Anstatt doch sehr popkonform. Im Pop, so heißt es, glaubt man nicht ans Authentische, besser als echt sei das Sekundäre, und allemal heiliggesprochen ist das Zitat.

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