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CD der Woche: Antony Hegarty : Apoll knödelt wieder

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „You Are My Sister“ Bild: AFP

Die Zukunft ist weiblich? Es bedürfte Antony Hegartys wenig subtiler Appelle nicht. Denn die Musik, die er dazu macht, ist allerliebst: gefühliger Queer-Folk, der jetzt noch gefühliger ist.

          3 Min.

          Vorspiel auf Naxos: Da sitzt er wieder einmal mit seiner Kithara, der androgyne und doch so gewalttätige Verkünder (man denke nur an den gehäuteten Konkurrenten Marsyas): Apoll, der Meister des ätherischen Wohlklangs. Die Mäuse kriechen aus ihren Löchern und fallen tot um vor Rührung, so schön ist diese Musik. Plötzlich aber wummert es, kracht und rülpst, Dionysos bricht durch die Hecke mit seinem lärmenden Gefolge: Born to be wild.

          Apoll rümpft angewidert die Nase, aber eines muss er doch zugeben: Es wummert, kracht und rülpst irgendwie mitreißend, im Takt nämlich. Ob damit das unterschiedliche Publikum zu erklären ist? Hier tote Mäuse, dort nackte Weiber, die betrunken um diesen bärtigen Rocker tanzen. Seither ist die Welt der Musik zerschnitten, hier Komplexitätsmaximierung, dort maximale Komplexitätsreduktion, hier Sphärenmelodie, dort triebhafter Rhythmus, hier Aufschneider-Pop, dort Hinterntreter-Rock.

          Ruhe mit nur einer flotten Ausnahme

          Lange beherrschten die Dionysiker das Feld. Doch Apoll ist wieder da. Antony nennt er sich seit einigen Jahren, auch eine Art Band hat er sich zugelegt, die Johnsons, und es ist nicht zu leugnen: Er ist der Beste. Eine glatte Eins verdient diese Stimme: Welten trennen den Falsett-Sirenengesang vom Geblöke ordinärer Knüppel-aus-dem-Sack-Bands. Zwar hat es meistens etwas Streberhaftes, wenn Popstars ihre Hits mit Orchesterbegleitung neu einspielen, aber das gilt für (Ex-)Drag-Queen und Obertonkönig Antony Hegarty keineswegs, denn seine melancholischen Balladen schwebten immer schon auf einer - gleichwohl eher kleinen - Wolke aus Piano, Streichern und Akustikgitarren.

          „Cut The World“, das also mitnichten das von den Fans ersehnte fünfte Album des Queer-Folk-Messias ist, dient der nochmaligen Übersteigerung des Elegischen und Dahinwabernden, als sollte allen unterbelichteten Feten-Heterosexuellen mit dem Plüschhammer eingebleut werden, dass die großartige Single des ansonsten hypersphärischen „Swanlights“-Albums, nämlich „Thank You For Your Love“, das sich zu einer nachgerade flotten Rhythm-&-Blues-Nummer aufgeschwungen hatte, die regelbestätigende Ausnahme bleiben würde.

          Das Matriarchat als Chance

          Gemeinsam mit dem dänischen National-Kammerorchester hat der Ausnahmepathetiker jetzt also zehn seiner - ja doch: wunderschönen - Stücke neu eingespielt für hochkonzentrierte Kopfhörergenießer und suizidal gestimmte, im Idealfall transsexuelle Mäuse. Neu sind nur der Titelsong und eine siebeneinhalbminütige, spätestens beim dritten Hören wohl auch den gutmütigsten Gender-Aufrührer in einen „Schnauze halten!“-Macho verwandelnde Rede über „Future Feminism“. Kurz gesagt, ist der weibliche Körper mit dem All im Einklang, wie das Menstruieren nach Mondkalender beweist, weshalb Gott, Jesus und Buddha allesamt Frauen waren, was wiederum zwingend das Matriarchat erfordert. Nur wenn - trotz Sarah Palin - Frauen in allen Bereichen das Ruder übernähmen, habe die Menschheit eine Chance. Das ist zweifellos richtig. Aber bitte nicht als Titel Nummer zwei einer Musik-CD!

          Der wenig subtile Gewissensappell ist auch deshalb so überflüssig, weil Antony Hegartys melancholische Klagen - „You Are My Sister“, „Another World“, „I Fell in Love With a Dead Boy“ - per se einen queer-visionären Hallraum haben. Das oft nur Andeutungshafte wird durch die Mondkalb-Rede jedoch geradezu diskreditiert, ganz ähnlich das kesse Hinüberlehnen ins Klassisch-Kammermusikalische durch ein tatsächliches Kammermusikorchester, das eine streicherlastige Ouvertüre (wenn nicht Konfitüre) nach der anderen beisteuert.

          Nur einmal, in „Kiss My Name“, wird auf „Cut The World“ dem Rhythmischen, sogar über die Originalversion des Stücks auf „The Crying Light“ hinaus, Reverenz erwiesen. Zwar enthält auch „Twilight“ einen kurzen dionysischen Ausbruch, aber gerade dieses Abschlussstück kommt ansonsten besonders getragen daher und zergeht wie der Rest lolligleich auf der Zunge. Wirklich enttäuscht kann aber wohl nur sein, wer gehofft hatte, dass sich der Maestro musikalisch in Richtung seines tanzbaren Nebenprojekts Hercules&Love Affair weiterbewegen würde.

          CocoRosie und Devendra Banhart machten den Anfang

          Küsst meinen Namen: Das könnte sich auch kokett an all jene Superlativisten richten, die Antony Hegarty, der sich selbst eher als Candy-Darling-Wiedergänger versteht, zu einer überweltlichen Erscheinung emporgeschrieben haben; die Flause vom Ende des heterosexuellen Imperativs im Pop beherrscht gerade auch die Berliner Musikkritikszene, die beim kleinsten Widerspruch - so sind sie, die Apolliniker - mit schwerem Politgeschütz um die Ecke biegt.

          Der Terror begann ja schon mit CocoRosie und Devendra Banhart. Zur Strafe sollten die Wortführer nun hundertmal Titel Nummer zwei anhören müssen. Auch ganz ohne weltverbesserische Gender-Agenda aber kann man diese perfekt intonierte, hochemotionale, auch nicht wirklich kitschige Platte natürlich grandios finden. Doch mal ehrlich: Wer wäre nach dem dritten, vierten, fünften Anheulen des Mondes nicht froh, wenn die Mauern einstürzten und Dionysos mit seinen Schlampen hereinpolterte?

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