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CD der Woche: Amy Winehouse : Jede Träne trocknet für sich

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „A Song For You“ Bild: Bryan Adams

Nichts, mit dem wir unser Mitleid finanzieren könnten: Das postume Amy-Winehouse-Album enthüllt noch einmal Leid und Genie der Sängerin.

          Im Jahr 2002 reiste eine achtzehnjährige Göre aus London nach Miami, setzte sich in das Studio des Hitproduzenten Salaam Remi und schnappte sich eine Gitarre. Dann zupfte sie ein paar Akkorde und sang „The Girl from Ipanema“. Das war ungefähr so, als würde man sich beim Actor’s Studio mit Robert DeNiros Monolog aus „Taxi Driver“ bewerben oder am Royal College of Art mit einem Sonnenblumenmotiv von Vincent van Gogh. Einer der trivialsten und zugleich subtilsten Songs der Popkulturgeschichte lässt sich schneller verhunzen, als man eine Gitarrensaite anschlägt.

          Man kann ihn aber auch zu einem Juwel der Lässigkeit und Coolness machen. Das hat Amy Winehouse damals getan, und Remi wurde ihr Mentor; auch diese letzte Platte hat er zusammengestellt. „Ipanema“ ist auf „Lioness: Hidden Treasures“ zu hören. Allein dieses Stück rechtfertigt die Veröffentlichung des ansonsten recht wahllos zusammen gewürfelten Materials. Winehouse dehnt die Wörter breit wie einen Kaugummi oder macht ein bisschen auf Scat-Gesang; aber es ist mehr die Parodie dieser Technik, mit der Sänger gerne ihr Talent ausstellen. Die Stimme schwingt hoch in weiten klaren Bögen, und wenn der Atem knapp wird, rettet sie sich in ein kokettes Vibrato. Eleganz und Humor, Grandezza und Patzigkeit, dies alles klingt bereits an. Es werden die Qualitäten sein, mit denen Amy Winehouse ein Weltpublikum erobert.

          Und sonst? Es sind ja immerhin zwölf Stücke, sechs davon Coverversionen, darunter die Doo-Wop-Nummer „Our Day Will Come“ als harmlos-tapsiger Reggae-Verschnitt und die Sehnsuchts-Ballade „Will You Still Love Me Tomorrow“. Groß orchestriert, schwelgender Streicherpomp, die akustische Bühne für den Auftritt einer Stimme, die Jazz parodieren konnte und Jazz zum Ausdruck brachte; die zwischen der Mimikry der Stile – ob Blues, Soul oder Swing – und der genuinen Neuinterpretation der Genres traumwandlerisch wechseln konnte.

          Diese Nummern sind beeindruckend. Aber noch mehr staunt man, was sie als Songschreiberin zustande brachte. Man vergisst, bei der Skandaldichte ihrer Vita und beim Lobpreisen ihrer technischen Finesse, dass sie Klassiker verfasst hat, maßgebliche Stücke wie „Tears Dry on Their Own“, „Valerie“ oder „Wake up Alone“. Bei Letzterem hallen die Rimshots, als fände das Ganze in einer leergeräumten Wohnung statt, und genau diese Stimmung brauchte sie für die Inszenierung ihrer unvergleichlichen Art von Einsam- und Anderssein. „Tears“ ist eine spätere Aufnahme, eine Skizze für das Bestselleralbum „Back To Black“; hier klingt sie wie durch Opiumschwaden hindurch aufgenommen. Die Diktion ist, freundlich gesagt, schludrig – andererseits: Was erwarten wir? Sucht hat noch jedes Genie klein gekriegt,

          Man muss vorsichtig sein, die Platte nicht so zu hören: als weiteren Nekrolog, als Ablassalbum, mit dem wir unser Mitleid finanzieren. Dass die Songs auch einzeln im Netz zu erwerben sind, ist gar nicht so schlecht; so lässt sich eine Erinnerung an diese phantastische Künstlerin kompilieren und eine Nummer wie „A Song for You“ auslassen. Das Lied, von Donny Hathaway zu Beginn der siebziger Jahre als Ballade des Popkanons etabliert, als Trauerspiel; die Stimme ein zittriges Genuschel, das unter scheppernden Drums versackt.

          Um heute Popstars auf ihre Aktualität und Verwertbarkeit hin zu überprüfen, muss man sich fragen, wie es wäre, wenn sie in „Glee“ aufträten. Die amerikanische Fernsehreihe beschreibt den Alltag der Mitglieder eines Musicalchors an einer Highschool. Was diese Kids proben und aufführen, das wird dann maßgeblich für den globalen Markt, ist wieder modern und angesagt. Olivia Newton-John trat in der Serie auf, und Britney Spears kam, ganz selbstironisch, im Cheerleaderdress, als sie selbst also.

          Alle möglichen Figuren sind auf der Bühne dieser Zitatmaschine vorstellbar, aber Amy Winehouse nicht. Welche Moral hätte sie einspeisen können in die bunte Highschool-Welt? Für welche Ideen hätte sie gestanden – Keuschheit? Verruchtheit? Nein, sie wäre da hineingewankt wie ein Genie, dessen Werk man in ein Medley verwandelt, ohne zu begreifen, dass es selbst schon das Medley war, eine Mixtur aus Sarah Vaughan und Tom Waits, Bessie Smith und Janis Joplin.

          Das hört man auch auf dieser Platte: Ihre Stimme stellt, durch die Verwüstungen der Krankheit hindurch, an den Stilmarkierungen der Moden und Trends vorbei, eines der bedeutendsten Instrumente moderner Musik dar. „Hidden Treasures“ heißt die Platte, aber sie enthüllt uns nichts, was wir nicht schon wussten. Wir wissen es jetzt nur noch ein bisschen genauer.

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