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CD der Woche: AIR : Sexy Boys Mondfahrt

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Parade“ Bild: Virgin Local 1716740 (EMI)

Das französische Popduo AIR hat den ersten Sciene-Ficton-Film der Geschichte nachträglich beschallt. Es klingt zukunftsweisend.

          3 Min.

          Bald vierzig Jahre ist es her, dass Menschen zum Mond geflogen sind. Irgendwie hatten wir uns danach die Zukunft anders vorgestellt. Wo sind nun all die lunaren Siedlungen und Forschungsbasen, die Urlaube auf der Umlaufbahn? Wenn die Gegenwart so wenig Schritt hält mit den einstigen Visionen, blickt man lieber zurück auf die Träume der Vergangenheit. So wie das französische Electronica-Duo AIR. Es hat sich an Georges Méliès‘ Science-Fiction-Klassiker „Le Voyage dans la Lune“ gewagt und dem Stummfilm von 1902 eine Tonspur verliehen.

          Méliès gilt als wahrer Erfinder des Kinos, weil er als Erster phantastische Geschichten erzählte, etwa die von einer Reise zum Mond. Inspiriert von Jules Verne und H. G. Wells übersetzte er den alten Menschheitstraum in bewegte Bilder. Auch wenn die damals atemberaubenden Spezialeffekte heute für Schmunzeln sorgen mögen – seinerzeit war der Pariser Zauberkünstler so innovativ wie später George Lucas oder James Cameron. Schnell brachte es der nicht einmal vierzehn Minuten dauernde Film zum ersten Blockbuster der Geschichte, inklusive Raubkopien und Plagiaten. Seither verstaubt er als cineastisches Liebhaberstück. Weshalb ihn nun, mehr als hundert Jahre später, durch einen Soundtrack aufpolieren?

          Hommage zweier Mondsüchtiger

          Mehr als fünfzig Jahre nach Méliès‘ Tod taucht eine handkolorierte Kopie des Films in Barcelona auf, allerdings in miserablem Zustand. In Cannes hatte sie vergangenes Jahr ihre Premiere. AIR sorgen damals für die musikalische Begleitung, die in erweiterter Form nun als Album erscheint. Perfektes Timing: Zum ersten Mal wird höchstwahrscheinlich ein französischer Stummfilm bei den Oscars abräumen. Und Martin Scorsese erweist Méliès mit Hugo Cabret gerade seine Ehre in 3D.

          Den beiden Musikern von AIR wird die Faszination für Mondreisen in die Wiege gelegt: Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin schweben beide im Mutterleib, als Neil Armstrong aus der Landefähre klettert. Ihr Debütalbum von 1998 nennen sie „Moon Safari“, im Musikvideo zu „Sexy Boy“ fliegen sie in einem VW-Bus zum Mond. Dass ihr Tonstudio nur einen Spaziergang von Méliès‘ letzter Ruhestätte entfernt ist, mag man als gutes Omen deuten. Denn das Ergebnis ist beeindruckend.

          Pauken und andere Schlaginstrumente dominieren den Soundtrack, alles klingt sehr organisch und handgemacht. In „Astronomic Club“ kombiniert das Paar Trip-Hop mit einem gregorianischen Choral, Cembalo und Wurlitzer-Piano. Die E-Gitarre erinnert an Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“, zwischen Maschinengewehrsalven und Zahnarztbohrern trompetet ein Elefant. Und während AIR den Start zum Mond im Film eher sparsam untermalen, zelebrieren sie ihn auf dem Album: Hohe Synthesizer-Töne umschwirren Trommelwirbel und elegische Klavierakkorde. „How long will it take you/To reach the stars“, singt Victoria Legrand mit einer Stimme wie Nico anno 1967. Schrille Gitarren begleiten den Nasa-Countdown, und schon ist man mit klopfendem Herzen auf dem Weg zum Mond.

          Schwerelos ins Auge des Monds

          Für all das hatten Dunckel und Godin, die schon als Jugendliche in Versailles zusammen Musik machten, keine drei Wochen Zeit, die Premiere in Cannes stand fest. Alles live einspielend und der Leinwand zugewandt, nutzten sie die für Filmkomponisten ungewohnte Freiheit: kein Regisseur, der Forderungen stellt, keine Dialoge oder Geräusche, die ablenken. Mit schwerelosen Klavierakkorden begleitet Dunckel die berühmte Szene, in der die Raumkapsel ins Auge des Mondgesichts stürzt. In der Kraterlandschaft angekommen, bewundern die Reisenden die aufgehende Erde – ein Anblick, der später auch den amerikanischen Astronauten die Sprache verschlagen wird. Frauenchöre sorgen für Erhabenheit, ein Banjo spielt als Kontrast dagegen an.

          Tanzbar ist das Stück „Sonic Armada“: Von einem Schneesturm vertrieben, steigen die sechs Astronomen in die Unterwelt des Trabanten hinab. Dort entdecken sie eine Grotte mit Riesenpilzen, treffen auf wild herumspringende Wesen, die sie mit ihren Regenschirmen explodieren lassen. Godins elektrische Sitar summt dabei wie eine Stechmücke im Ohr, der Basslauf hypnotisiert, das Mellotron entführt in psychedelische Sphären.

          Liebevolle Restaurationsarbeiten

          Aber das atmosphärische Album funktioniert auch hervorragend ohne den Film. Zusätzliche Songs zitieren den Space Rock der späten Sechziger oder das Klavier-Intro von Mike Oldfields „Tubular Bells“. Dunckel lässt das Vibraphon wie klirrende Eiszapfen klingen, spielt düstere Melodien auf dem Streicherkeyboard. Mal englisch, mal französisch singt das Dream-Pop-Trio Au Revoir Simone von Labyrinthen und Wimpernschlägen. Und genauso euphorisch, wie die Mondreisenden am Ende des Films daheim empfangen werden, klingt auch das schnelle „Parade“: Daft-Punk-Gitarren, rhythmische Fills und wieder der warme Klang des Mellotrons.

          Leicht hätte es schief gehen können, doch mit ihren Songs haben AIR diesem Filmjuwel neuen Glanz verliehen, ohne seinen Zauber zu zerstören. Derart liebevoll restauriert und mit zeitgenössischem Soundtrack versehen, dürfte dieser erste Science-Fiction-Film sogar ein Publikum begeistern, das die echte Mondlandung nur aus Videoportalen kennt. Wie sagte Méliès zum Pianisten, der seinen Film damals bei Vorführungen begleitete: Spiel etwas Modernes!

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