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CD der Woche: „13“ von Black Sabbath : Hier kommt die Mollabfuhr

Das Stück auf dem Debütalbum von 1970, das so heißt wie die Platte und die Band, beweist diesen Ansatz in Gestalt eines der besten Powerchords (eine Akkordsorte, die für den Heavy Metal das ist, was der Dreiklang den Rheintöchtern sein soll) der Rockgeschichte. Mit einem Echo davon endet „13“. Das Signal, das 1970 Laut gab, konnte sich umso weiter herumsprechen, als es nicht eben hektisch ausgesandt wurde: Das Verschleppte, Gebremste, bockig Träge bleibt Black Sabbaths Lieblingsmodus.

Auf „13“ macht der Bassist (und Hauptlyriker) der Band, Geezer Butler, seinem legendären Namen damit Ehre, dass er demonstriert, wie viele verschiedene Spielweisen jenes Grundkonzept „nicht so hibbelig, bitte“ umfasst: Man kann für alles ewig brauchen (larghissimo), aus Eigenschwere immer langsamer werden (ritardando) oder sich weigern, den nächsten Schritt im erwarteten Tempo zu tun (ritenendo).

Hörspielpreis der Kriegsblinden, ruf doch mal an!

Wenn man richtig gut ist, lässt sich das kombinieren: Unwillig losschlurfen, dann auch noch stehenbleiben, den Rollladen runterziehen und das große kosmische Wrrrröööärrm nachschwingen lassen, bis die Zeit, die der Klang sich nimmt, zwischen Monotonie und Monodie krümelbröselnd zu Nichts zerfällt. Und erst diese feinen Intros immer: bizarres Pfeifen und vollreifer Hall, verwirrtes Lachen, Frequenzteppiche, aus denen mit der Pegelpinzette einzelne Sirrfäden gezupft werden - Hörspielpreis der Kriegsblinden, ruf doch mal an.

Ans Schlagzeug haben die drei Nachlassverwalter ihrer selbst einen braven Kompetenzbolzen gesetzt: Brad Wilk, bekannt von Rage Against The Machine, Audioslave und dem Dreikönigstreffen der FDP. Ist das jetzt eine „Wiedergeburt“ von Black Sabbath, oder wie geht die passende Journalistenphrase?

Nein, die Wiedergeburt, wenn man derlei denn braucht, fand schon 2009 statt, mit Ronnie James Dio, dem anderen, vor drei Jahren leider auf einem der vielen Höhepunkte seines Könnens verstorbenen Sänger von Black Sabbath (und Rainbow, und überhaupt).

Unhygienisch und ohne Nachsorge

Damals, für ein Produkt namens „The Devil You Know“, nannte man sich „Heaven & Hell“, nach einer Platte, die Dio mit Black Sabbath 1980 aufgenommen hatte. „13“ ist, anders als das Werk von 2009, eher eine Art (erster? letzter? mittlerer?) Kilometerstein auf dem Weg ins Grab. Der Weg darf ruhig etwas länger sein, man hat ja Zeit.

Natürlich gibt es heute in jedem zweiten schwedischen Dorf drei Kellerbands, die das, was Black Sabbath einst erfanden, komplizierter, kulinarisch verfeinert, vielleicht sogar technisch versierter zusammenhacken können - aber das sind dann sozusagen mehrfarbige Tätowierungen aus dem klimaregulierten Körperschmuckstudio, während „13“ eben ein im Knast mit einem Gerät aus Nähnadel und elektrischer Zahnbürste auf den Oberarm gestochenes Pentagramm ist: Unhygienisch, ohne Nachsorge, in ranziger Tusche ausgeführt.

Ist das zeitgemäß? Während wir alle dauernd an unseren Smartphones rumdiddeln, auf irgendein Tablet starren oder anderweitig weggetreten sind, waren Black Sabbath noch nie ganz da. Heute wird daraus pure Lebenshilfe: Die Welt mag von solchen Mumien ja nichts wissen wollen, aber diese Mumien gewinnen dennoch, weil sie von der Welt eben noch viel weniger wissen wollen, ätsch.

Wer die Gegenwart derart gering achtet, dem gehören Vergangenheit und Zukunft. Auf „13“ ächzt, blitzt und wurstelt der demographische Wandel höchstpersönlich, als kriechender, heimatloser, wohltemperiert verstimmter Todesbote: Es ist alles eitel, hau rein.

Your violence has left my life in ruin yeah, in ruin, yeah, yeah, yeah. Black Sabbath: Dear Father

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