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Album der Woche : Wallfahrt zu den Wurzeln des Blues

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Ende November wäre er 75 Jahre alte geworden: Jimi Hendrix im Jahr 1970 bei einem Auftritt auf Fehmarn. Bild: dpa

Ein „neues Album“ von Jimi Hendrix? Ja, es gibt verrückterweise noch immer unveröffentlichtes Material: „Both Sides of the Sky“ schließt die Trilogie ab, an der sein ehemaliger Toningenieur Eddie Kramer lange gearbeitet hat.

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          Man wird die Geschichte der E-Gitarre immer in zwei Teilen erzählen müssen: Vor Hendrix und nach Hendrix. Natürlich gab es schon vor Jimi begnadete Gitarristen, die ihr Instrument als visionäre Stimme innerhalb eines entsprechenden musikalischen Kontextes nutzten. Man denke nur an Pioniere wie Charlie Christian, Les Paul, Wes Montgomery, B. B. King, Pete Townshend oder Jeff Beck. Sie alle trieben das Gitarrenspiel über die Grenzen ihres Genres hinaus und schufen unerhörte Sounds.

          Doch als Hendrix 1966/67 in die Rockszene hineinexplodierte, wurde schlagartig klar: Hier handelte es sich um eine völlig neue Musik, jenseits der bisherigen Vorstellungskraft. Sie erwuchs aus der elektrischen Gitarre, die nicht länger ein Werkzeug zu sein schien, sondern ein eigener Klang-Kosmos, voller fremder Formen und Gestalten, entstanden auf der Griffbrett-Bühne von Jimis Fender-„Stratocaster“.

          Dabei waren vor allem zwei Gestaltungsprinzipien für den speziellen „Hendrix-Sound“ verantwortlich: Durch einen mehr oder weniger stark übersteuerten Röhrenverstärker erzeugte Hendrix auf seiner Gitarre einen verzerrten Grundsound. Daneben war es der kontrollierte Einsatz von Feedback, also der Rückkopplung eines verstärkten Gitarrensignals auf das Instrument. Jimis Kunst bestand gerade darin, das zufällige, schrille Heulen eines Gitarrenverstärkers in eine melodische Rückkopplung zu verwandeln. Jede Bewegung des Gitarristen vor seinem Verstärker veränderte diese Rückkopplung in Tonhöhe und Klangfarbe. Hendrix’ perfekteste Form des Feedbacks gleicht dabei dem Sound eines Cellos oder einer Violine, wenn es sich in der Luft als weiches, dramatisch anschwellendes Sustain materialisiert.

          Im Mai 1968 erforschte Hendrix zusammen mit seinem Drummer Mitch Michell wieder einmal die musikalischen Qualitäten seines Gitarren-Feedbacks. Daraus formte sich ein Stück namens „Cherokee Mist“: die dunkel brütende Studie über einen indianischen Totentanz. Neben seiner Strat setzte Hendrix hier auch eine „Coral Sitar“-Gitarre ein. Immer wieder schält sich die gewundene Wah-Wah-Melodie aus alldem Pfeifen, Jaulen und Rauschen heraus und behauptet sich mit ihrer singbaren Qualität. Am Ende jedoch sind es nur noch Verstärkergeräusche, die durch den Raum jagen, so als wäre ein Raubtier aus seinem Käfig ausgebrochen – gefährlich, urwüchsig und majestätisch zugleich.

          Ein Perfektionist im Studio

          „Cherokee Mist“ beschließt mit seinem triumphalen Experimentiergeist das jetzt veröffentlichte Album „Both Sides of the Sky“, das mit dreizehn bisher unveröffentlichten Stücken die Zeit zwischen Januar 1968 und Februar 1970 abdeckt – eine der fruchtbarsten Phasen in Jimis Karriere: Sie markiert ein Stadium permanenter Überschreitung, von Bandgrenzen, wie den damals bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten der E-Gitarre. Seit Mitte der Neunziger durchforstet Jimis ehemaliger Toningenieur Eddie Kramer zusammen mit der Familienstiftung „Experience Hendrix L.L.C.“ unter der Ägide seiner umtriebigen Schwester Janie die Archive, auf der Suche nach unbekannten Gemmen. Zum Abschluss ihrer Trilogie mit unveröffentlichten Studioaufnahmen – zuvor waren „Valleys of Neptune“ (2010) und „People, Hell and Angels“ (2013) erschienen – jetzt also Stücke, die Hendrix vor allem mit seinem Power-Trio Band of Gypsys einspielte. Es ist dieser stabil groovende Rückhalt von Buddy Miles an den Trommeln und dem Bassisten Billy Cox, der ihm die nötige Sicherheit gab, seinen gewagten Sound-Experimenten nachzugehen.

          Hendrix war in jenen Jahren für unterschiedlichste Ideen offen: Mit Stephen Stills als Sänger und Organist nahm er den Joni-Mitchell-Titel „Woodstock“ auf, Johnny Winter – damals ein Shooting star der Slide-Gitarre – forderte ihn im Bluesstandard „Things I Used To Do“ von Memphis Slim heraus und sein alter Kumpel aus Curtis-Knight-Tagen, Lonnie Youngblood, brachte im „Georgia Blues“ sein beseeltes Saxophon ins Spiel. Neben solchen Raritäten finden sich auch einige Alternate-Takes auf dem neuen Album: „Lover Man“ hatte Hendrix in den bisherigen Versionen mit der Experience nicht zufriedengestellt, deshalb produzierte er mit der Band of Gypsys eine weitere, für ihn gültige Fassung, in der auch kurz die Titelmelodie der TV-Serie „Batman“ anklingt. Die Aufnahme zeigt, welch ungeheuer kompakte Einheit dieses Trio bildete: dicht und druckvoll. Dies wird auch in der einleitenden Version des Blues-Klassikers „Mannish Boy“ von Muddy Waters spürbar: eine schnörkellose Uptempo-Nummer mit glitzernden Funk-Finessen.

          „Hear My Train A Comin’“ – ein weiterer Standard aus der Setlist der Experience – fasziniert hier in seiner bohrend verzerrten Form. Düster dräuend umspielt Hendrix ständig seine Gesangslinien mit korrespondierenden Gitarrenlicks. Er reizt die vokalen Qualitäten der sechs Saiten bis zum Anschlag auf, da kommt ihm das fahle Fauchen seines Wah-Wah-Pedals gerade recht. Stephen Stills, mit dem sich Hendrix 1967 beim Monterey Pop Festival angefreundet hatte, lud ihn im September 1969 zu einer Aufnahmesession nach New York ein, Jimi schnappte sich spontan einen Fender Jazz-Bass und unterstützte Stills bei seiner ersten Lesart von „Woodstock“ – ein halbes Jahr bevor Crosby, Stills, Nash & Young ihre ikonische Version des Lieds veröffentlichten. Auch in dem bis heute unveröffentlichten Song „20 Fine“ ist Stills jubilierender Predigerton zu hören und wird – von Orgelspiel grundiert – allein durch Jimis punktgenaue Flageoletts durchlöchert. Für einen weiteren Höhepunkt des Albums sorgt Jimis Uptempo-Ballade „Send My Love To Linda“ mit ihrem spanisch anmutenden Intro. Die wechselnde Ton- und Taktart verführen Hendrix zu einem seiner waghalsigsten Soli und demonstrieren, wie Hendrix seine späten Kompositionen aus verschiedenen Rhythmus-Patterns zusammensetzte.

          Immer und immer wieder feilte er im Studio an Aufnahmen, die er zunächst zur Seite gelegt hatte, um sie noch zu verfeinern. Koproduzent Eddie Kramer erklärt: „Er war nie mit dem zufrieden, was er gerade geleistet hatte.“ Man könnte auch meinen, er habe sich in seinen beiden letzten Lebensjahren zunehmend verzettelt, weil ihm eine klare musikalische Vision abhandengekommen war und er auf zu vielen „offenen Baustellen“ aktiv war. Und doch – das belegt die neue Veröffentlichung überdeutlich – ist der spirit von Hendrix, seine unbezähmbare Entdeckerlust, noch in jeder Note hörbar. Es geht weniger um das, was er spielt, sondern vielmehr um die Art und Weise, wie er singt und der Gitarre bis dato unerhörte Sounds abringt. Fast immer schwingt ein tiefer, existentieller Grundton bei ihm mit, eine emotionale Intensität, die bisweilen erschreckend wirkt.

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