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Album der Woche : Wallfahrt zu den Wurzeln des Blues

  • -Aktualisiert am

Hendrix war in jenen Jahren für unterschiedlichste Ideen offen: Mit Stephen Stills als Sänger und Organist nahm er den Joni-Mitchell-Titel „Woodstock“ auf, Johnny Winter – damals ein Shooting star der Slide-Gitarre – forderte ihn im Bluesstandard „Things I Used To Do“ von Memphis Slim heraus und sein alter Kumpel aus Curtis-Knight-Tagen, Lonnie Youngblood, brachte im „Georgia Blues“ sein beseeltes Saxophon ins Spiel. Neben solchen Raritäten finden sich auch einige Alternate-Takes auf dem neuen Album: „Lover Man“ hatte Hendrix in den bisherigen Versionen mit der Experience nicht zufriedengestellt, deshalb produzierte er mit der Band of Gypsys eine weitere, für ihn gültige Fassung, in der auch kurz die Titelmelodie der TV-Serie „Batman“ anklingt. Die Aufnahme zeigt, welch ungeheuer kompakte Einheit dieses Trio bildete: dicht und druckvoll. Dies wird auch in der einleitenden Version des Blues-Klassikers „Mannish Boy“ von Muddy Waters spürbar: eine schnörkellose Uptempo-Nummer mit glitzernden Funk-Finessen.

„Hear My Train A Comin’“ – ein weiterer Standard aus der Setlist der Experience – fasziniert hier in seiner bohrend verzerrten Form. Düster dräuend umspielt Hendrix ständig seine Gesangslinien mit korrespondierenden Gitarrenlicks. Er reizt die vokalen Qualitäten der sechs Saiten bis zum Anschlag auf, da kommt ihm das fahle Fauchen seines Wah-Wah-Pedals gerade recht. Stephen Stills, mit dem sich Hendrix 1967 beim Monterey Pop Festival angefreundet hatte, lud ihn im September 1969 zu einer Aufnahmesession nach New York ein, Jimi schnappte sich spontan einen Fender Jazz-Bass und unterstützte Stills bei seiner ersten Lesart von „Woodstock“ – ein halbes Jahr bevor Crosby, Stills, Nash & Young ihre ikonische Version des Lieds veröffentlichten. Auch in dem bis heute unveröffentlichten Song „20 Fine“ ist Stills jubilierender Predigerton zu hören und wird – von Orgelspiel grundiert – allein durch Jimis punktgenaue Flageoletts durchlöchert. Für einen weiteren Höhepunkt des Albums sorgt Jimis Uptempo-Ballade „Send My Love To Linda“ mit ihrem spanisch anmutenden Intro. Die wechselnde Ton- und Taktart verführen Hendrix zu einem seiner waghalsigsten Soli und demonstrieren, wie Hendrix seine späten Kompositionen aus verschiedenen Rhythmus-Patterns zusammensetzte.

Immer und immer wieder feilte er im Studio an Aufnahmen, die er zunächst zur Seite gelegt hatte, um sie noch zu verfeinern. Koproduzent Eddie Kramer erklärt: „Er war nie mit dem zufrieden, was er gerade geleistet hatte.“ Man könnte auch meinen, er habe sich in seinen beiden letzten Lebensjahren zunehmend verzettelt, weil ihm eine klare musikalische Vision abhandengekommen war und er auf zu vielen „offenen Baustellen“ aktiv war. Und doch – das belegt die neue Veröffentlichung überdeutlich – ist der spirit von Hendrix, seine unbezähmbare Entdeckerlust, noch in jeder Note hörbar. Es geht weniger um das, was er spielt, sondern vielmehr um die Art und Weise, wie er singt und der Gitarre bis dato unerhörte Sounds abringt. Fast immer schwingt ein tiefer, existentieller Grundton bei ihm mit, eine emotionale Intensität, die bisweilen erschreckend wirkt.

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