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Björks „Biophilia“ ist die CD der Woche : Klimpern auf der Mondharfe

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Cosmogony" Bild: Polydor/Universal Music

Das ist nichts für die Buchmesse, sondern nur etwas für Ausdruckstänzer: Die Isländerin Björk nennt ihr Projekt „Biophilia“

          2 Min.

          Die Geburt des Universums scheint ein Klacks im Vergleich zur Veröffentlichung des siebten Studioalbums von Björk, welches da heißt „Biophilia“: Im Juni bereits wurde es bei Konzerten in Manchester mit großem Brimborium vorgestellt – dabei wirkte ein Frauenchor aus Island mit, gigantische Pendel verwandelten Erdschwingungen in Töne. Danach wurden scheibchenweise Song-Apps für die Taschentelefone und digitalen Frühstücksbretter dieser Welt angeboten, die fraglos hochästhetisch waren, wie man es von Björks Musikvideos gewohnt ist.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Zu den Klängen von „Crystalline“ etwa konnte man dreidimensionale, farbig leuchtende Kristalle durch einen Tunnel jagen, bei „Moon“ sogar selbst auf der virtuellen Mondharfe klimpern – garantiert gewaltfrei, ohne beim Flug durch den Kosmos auf Hühner oder überhaupt irgendetwas schießen zu müssen. Flankiert wurde dies alles von gewichtigen Botschaften über die Tragweite des multimedialen Projekts, bei dem Björk die nächsten drei Jahre jeweils mehrere Wochen in einer Stadt verweilen will, um dort nicht nur Konzerte, sondern auch „musikpädagogische Seminare“ zu geben.

          Der Musikhörer alten Stils, dem noch etwas an der Idee eines Albums liegt, das man als Ganzes hören kann, wurde nach dieser verkäuferischen Salamitaktik dann nochmals vertröstet: Das Erscheinen des Werks auf CD und auf Vinyl wurde auf Oktober verschoben – insgesamt also ein virales Marketing mit ziemlich langer Inkubationszeit. Nun gibt es endlich „Biophilia“ am Stück, und das ist ziemlich schwer verdaulich.

          Kieksend und glissandierend

          Auch nach mehrmaligem Hören will es bis auf eine Ausnahme nicht gelingen, sich an Melodien oder harmonische Passagen zu erinnern. Mit der Aleatorik eines Pling-Plong-Rollers ziehen Geräusche und Töne vorbei, zwischen die sich immer wieder skandierend, kieksend und glissandierend die unverkennbare Stimme von Björk mischt. Immerhin: Sie singt in einer bestimmten Sprache, und etwas davon kann man festhalten: „My romantic gene is dominant/It hungers for union, universal intimacy, all embracing“.

          Doch das Klangbild ist gar zu fern von kosmischer Harmonie und romantischer Umarmung des Alls: Es dissonieren Windharfen und Erdglocken, es brummen Synthesizer-Bässe und platzen immer wieder überraschend unrhythmische Schläge herein, die gelegentlich zum Presslufthammer ausarten wie am Ende von „Thunderbolt“ oder ein Stück wie „Mutual Core“ noch mit Breakbeat-Ansätzen in die Umlaufbahn von The Prodigy oder Radiohead bringen. Nur leider will nirgendwo auf dem Album ein Gefühl von Groove aufkommen.

          Das eindrucksvolle Plattencover birgt eine deutliche Anspielung auf das Album „Santana III“ von 1971, mit dem Carlos Santana den Weg in den Kosmos vorausgegangen ist. Davon ist Björk denkbar weit entfernt: Wo seinerzeit die Trommelrhythmen von „Everybody’s Everything“ schwitzende Massen in die tänzerische Trance führten, scheinen die Klänge von „Biophilia“ eher den autistischen Tanztypus zu fordern, von dem man lieber zwei Meter Abstand hält.

          Von der Furcht, dass womöglich nicht jeder dieses Werk so leicht versteht, zeugt ein fünfseitiger Pressetext, der sich alle Mühe gibt, dem Gehörten sprachlich näher zu kommen: Von der Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Klänge ist dort die Rede und von den „mathematischen Tatsachen, die sich aus dem Phänomen des Vollmonds ableiten lassen“. Vielleicht muss den avantgardistischen Impetus dieser Musik tatsächlich ernstnehmen – man käme ja auch nicht auf die Idee, John Cage mangelnde Tanzbarkeit vorzuwerfen.

          Disparates Album

          Aber dass Björk nur noch Extravaganz ohne Emotion sein soll, mag man nicht akzeptieren, wenn man daran denkt, wie gelungen sie in der Vergangenheit beides miteinander verbunden hat, mit Liedern wie „Play Dead“ oder „Cocoon“: Hier waren die stimmlichen Eskapaden geerdet durch rhythmische und harmonische Struktur.

          In dieser Ausgewogenheit befindet sich auch die eine Ausnahme auf „Biophilia“, bei der Rhythmus, Text und Melodie auf das Schönste zusammenwirken: „Virus“ heißt das Lied, es wagt einen prekären Vergleich zwischen der Liebe und einem Krankheitsbefall: „Like a virus needs a body/As soft tissue feeds on blood/Someday I’ll find you/The urge is here“. Gerade genug Wohlklang trifft hier auf das wilde Denken, das Björk musikalisch ausmacht. Wären doch mehr solcher Stücke auf dem disparaten Album.

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