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Album der Woche : Fünfzig Jahre Glitzern

Ob die anderen Beach Boys ahnten, welche Stimmen Brian Wilson (rechts) im Kopf hatte? Bild: Michael Ochs Archives/Getty

So weltfremd und funkelnd wie je: „Pet Sounds“, die Beach-Boys-Platte, die Paul McCartney zum Weinen brachte, erscheint zum fünfzigsten Jubiläum in einer reich mit Boni versehenen Ausgabe.

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          „Ich will etwas Glitzerndes", soll Brian Wilson gesagt haben, als er 1966 im Aufnahmestudio seinen Musikern gegenüberstand, um eine neue Beach-Boys-Platte einzuspielen. Die Streicher, Hornisten, Cembalisten oder Trompeter gaben ihr Bestes, die Vorgabe des Dreiundzwanzigjährigen zu erfüllen, auch als seine Wünsche bizarrer wurden: Ein Geräusch, das nach Wind klingt, der durch einen Gegenstand rauscht? Ein Hundebellen, das ein Popalbum beschließt?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Warum nicht, schließlich sollte diese äußerst komplexe Platte „Pet Sounds“ heißen, auch wenn damit der konzeptionelle, spirituelle und musikalische Gehalt der Platte nicht annähernd umrissen ist. Tatsächlich geht es in den Texten, die ein gewisser Tony Asher in, wie es scheint, enger Absprache mit Brain Wilson schrieb, um die Unsicherheit eines adoleszenten Leben, geprägt von Verlustängsten, Blütenträumen, Allmachtsphantasien, ganz großen Gefühlen und dem Bewusstsein, dass jeder einzelne Schritt in die Irre führen könnte und bereits führte: Nach allem, was ich getan habe, heißt es einmal, wie kann das sein, dass du noch immer an mich glaubst?

          Die andere Seite von Brian Wilsons Existenz aber, unlöslich verbunden mit jener großäugigen Scheu der Welt gegenüber, ist die absolute Sicherheit, was die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten für diese Disposition angeht. Was die an „Pet Sounds“ beteiligten Musiker spielen sollten, hatte Wilson im Kopf, jede Stimme einzeln. Also sang oder spielte er es ihnen vor, sie spielten nach, und was am Ende dabei herauskam, ist ein kathedralenartiges Klanggewölbe voll subtiler Schönheit, deren Feinheiten man erst beim fünften oder sechsten Hören annähernd erfasst – ganz wahrscheinlich nie. Als die Platte dann vor fünfzig Jahren, am 16. Mai 1966, erschien, wirkte sie wie völlig aus der Zeit gefallen, und im Wettstreit mit den Beatles, die kurz zuvor, am 3. Dezember 1965, mit „Rubber Soul„ ihre bis dahin avancierteste Platte veröffentlicht hatten, wirkte „Pet Sounds„ wie ein souveräner Gruß über den Atlantik. Paul McCartney bekannte später, er habe beim Anhören dieser Beach-Boys-Platte immer wieder geweint. Bei den Aufnahmen zur nächsten gab er dann ein Gastspiel, in dem er auf Wunsch von Brian Wilson vor dem Mikrofon geräuschvoll in eine Karotte biss.

           Derlei ist auf „Pet Sounds“ noch nicht zu finden. Stattdessen sind da klassische Orchesterinstrumente, in unzähligen Takes aufgenommen, dazu die üblichen Gitarren und Schlagwerkzeuge, und zu all dem brauchte Brian Wilson die übrigen Beach Boys nicht, mit denen er vier Jahre lang gearbeitet, rastlos Platten aufgenommen hatte und anfangs auch auf Tournee gewesen war. Jetzt überließ er das den anderen, seinen Brüdern Carl und Dennis, seinem Cousin Mike Love und seinem freundlichen Football-Kumpel Al Jardine, verstärkt durch den ein oder anderen Gastmusiker. Als sie zurückkamen, spielte ihnen Brian Wilson die fertigen Bänder vor, und als sie dann ihren typischen, mehrstimmigen Gesang darüberlegten, klang „Pet Sounds“ bei aller Fremdheit doch noch wie eine Beach-Boys-Platte. Carl Wilsons engelsschöne Stimme jedenfalls macht aus dem sakralen „God only knows“ dann die Hymne, die seither das weltweit wahrscheinlich meistgespielte Lied auf Hochzeitsfeiern ist. Brian Wilson aber behielt sich das abschließende „Caroline, no“ vor und sang die Melodie geradezu schamlos, mit schmerzhafter Stimme so weit gedehnt, bis es nicht mehr geht – hier, möglicherweise, ahnt man, warum das nächste Projekt nach diesem Triumph, das Konzeptalbum „Smile“, so krachend scheitern sollte, bis es vierzig Jahre später aus den Scherben rekonstruiert wurde.

          „Pet Sounds“ aber erscheint jetzt, zum fünfzigsten Jubiläum, in einer reich mit Boni versehenen Ausgabe und klingt so weltfremd und glitzernd wie je: Da sind außer dem eigentlichen Album in Stereo und Mono Alternativversionen zu finden, Mitschnitte der Sessions oder auch Live-Aufnahmen, die beinahe noch zeitgenössisch zum Album sind. Vor allem aber sind die vier CDs und die Blue-Ray in ein vorzügliches Beibuch im Din-A4-Format eingeschlossen, das Fotos und Informationen zu den einzelnen Tracks enthält, wie man es sich schöner kaum wünschen kann.

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