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Album der Woche: Erdmöbel : Heilige Nacht, in Guangzhou gemacht

  • -Aktualisiert am

Bild: Erdmöbel

Bunte Oberfläche, sozialkritische Tiefe: Die Band Erdmöbel revolutioniert das Genre des Weihnachts-Popsongs auf Deutsch. Ist das nun ein Geschenk vom Spaßwichtel?

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          Diesen Trick kennt man von der deutschen Band mit dem seltsamsten Namen ja nun schon: Musikalisch gefällig, sogar bisweilen niedlich, sind die Songs von Erdmöbel dennoch oft lyrische Trojaner, die noch etwas ganz Anderes im Bauch haben. Dies gilt selbst, wenn die Band Weihnachtslieder spielt, zum Beispiel eines mit dem einfachen Refrain „Goldener Stern/ In allen Fenstern/ Dreh Dich“.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist zunächst nicht mehr als die freundliche Bedichtung einer vorweihnachtlichen Fußgängerzone. Aber in der Strophe wird der Blick schon leicht ironisch: „Mit den Schätzen des Orients schwer beladen stehst Du da“, heißt es – und hiermit ist keiner der Heiligen Drei Könige gemeint, die Erdmöbel auch gern besingen, sondern eine Frau bei der Geschenkejagd. Ihre Lehrerkolleginnen spotten: „Billig ist doppelt gekauft“, und schon ist man in einem ganz anderen Assoziationsraum, nämlich dem der Kritik an einer 1-Euro-Mentalität, mit der die Menschen Ramsch aus Fernost horten.

          In Containern hergebracht

          Wie unsere Welt von solcherlei Produkten geprägt wird, ist ein fortlaufendes Thema in der Lyrik des Erdmöbel-Sängers Markus Berges: Schon vor Jahren verfolgte er den Weg einer Puppe („Laster bis Taipeh, Schiff zu den Kanaren“) bis in einen „miesen Busbahnhofskiosk“ in unseren Gefilden. Und auf dem jüngsten Album „Kung Fu Fighting“ (2013) entlarvt er die schönsten Liebesmomente als Kitsch, made in China: „Diese Nacht ist in Shenzhen oder Guangzhou gemacht/ Dieser Kuss in tausend Containern hergebracht“.

          Seit 2007 haben Erdmöbel jedes Jahr einen Weihnachtssong aufgenommen, aus Spaß, wie es oft hieß und man insbesondere bei ihrer lustig eingedeutschten Version von Whams „Last Christmas“ auch glauben konnte. Aber hört man nun die Sammlung dieser Stücke, die zusammen mit noch einigen weiteren der Band in Weihnachtsversionen auf einem Sampler als „Geschenk“ verpackt sind, gewinnt man den Eindruck einer vielseitigen und dabei auch ernsten Auseinandersetzung mit Weihnachten: nämlich sowohl mit der religiösen Überlieferung als auch seiner säkularen Form. Überhaupt ist die Band damit in eine ziemliche Lücke der deutschsprachigen Popmusik gestoßen: Neue Weihnachtslieder, wie sie im angelsächsischen Raum gang und gäbe sind, gibt es auf Deutsch ja gar nicht so häufig. Die von Erdmöbel bauen zum Teil auf kirchlichen Weihnachtsliedern auf, sie zitieren etwa beiläufig „Tochter Zion“ und garnieren sie mit Disco-Bass, beschäftigen sich aber auch mit so weltlichen Erscheinungen wie „Lametta“ oder „Fräulein Frost“, das Fest der Liebe dreht sich hier meistens um die Paarbeziehung. Und sie brechen aus der Tradition aus, wenn sie nach fatalistischer Bilanz („Der letzte deutsche Schnee“) das Fest kurzerhand an der spanischen Costa Brava feiern („Weihnachten in Tamariu“).

          Zwischen den Jahren gelacht

          Dass auch viele heutige Vorstellungen von der Heiligen Nacht in Guangzhou gemacht sein könnten, diesen Eindruck gewinnt man bei dem wiederum oberflächlich so netten Lied „Ding Ding Dong (Jesus weint schon)“. Es sind also auf eine gewisse Weise auch Anti-, auf jeden Fall aber Meta-Weihnachtslieder, die hier erklingen.

          Die Erdmöbel-Analyse der weihnachtlichen Stimmungen macht am zweiten Feiertag noch nicht halt, sondern untersucht auch noch sehr genau die Zwischenjahrszeit bis Silvester. Die ist natürlich besonders fruchtbar für die Lyrik von Markus Berges, denn es ist die Zeit der Elegie, also der gemischten Empfindung. Ambivalent ist am Ende der Titel „Geschenk“ selbst, denn man weiß ja, es gibt auch ironische Geschenke, wie sie etwa beim sogenannten „Spaßwichteln“ verteilt werden. Ein solches ist übrigens auch die jüngst im Bielefelder Aisthesis Verlag erschienene Sammlung von „Liebesliedern“ des Sängers Berges, die darin eine kuriose Verbindung mit Urlaubsfotos eines anonymen Liebespaars der alten Bundesrepublik eingehen.

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