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Album der Woche: Joss Stone : Reggae mit etwas zu vornehmen Streichern

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „The Answer“ Bild: dpa

Die Farbenvielfalt der Soulstimme von Joss Stone ist beachtlich. Nun versucht sich die britische Sängerin am Reggae – wirkt dabei aber bisweilen karnevalesk.

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          Weiße, die wie Schwarze singen, werden dafür zumeist gefeiert. Man denke nur an die Soulsängerin Dusty Springfield, der zeitlebens nachgesagt wurde, ihrer Stimme wohne eine schwarze Seele inne. Wie lukrativ die Angelegenheit stimmlicher Klangfarbe sein kann, beweist auch ein Ausspruch vom Elvis-Entdecker Sam Phillips: „Bringt mir einen Weißen, der wie ein Schwarzer singt, und wir werden reiche Leute sein.“ Der Rest ist Geschichte.

          Aus ähnlichen Gründen fasziniert auch die Stimme von Joss Stone. Was die 1987 im englischen Dover geborene Soulsängerin jedoch vom King unterscheidet, ist ein Mangel an Originalität. Denn auch wenn manche Afroamerikaner Elvis‘ Erfolg als unberechtigte Aneignung ihrer Kultur durch einen Weißen auffassten, ist wohl kaum von der Hand zu weisen, dass sein von einem Countrysänger gesungener Gospel etwas ganz und gar Eigenes war.

          Dass Joss Stone keine vergleichbare Transformation eines Stils auf „Water For Your Soul“ gelingt, ist keine Schande. Für ein solides Album braucht es heute keine Erschütterung der Hörgewohnheiten, wie sie noch bei Elvis Presley der Fall war. Ein Blick auf ihre Künstlerbiographie verleitet aber zu Spekulationen, woher die Haltungslosigkeit des Albums rühren könnte.

          Alles begann mit der BBC-Sendung „Star for a Night“ im Jahr 2001. Die damals 13 Jahre alte Jocelyn Eve Stocker, wie Stone mit bürgerlichem Namen heißt, gehörte zu den Teilnehmern des Talentwettbewerbs. Sie sang Aretha Franklins "(You Make Me Feel Like) A Natural Woman" und "It's Not Right but It's Okay" von Whitney Houston. Dank ihrer Darbietung von Donna Summers „On The Radio” im Finale währte ihr Ruhm dann länger als nur eine Nacht.

          Joss Stone interpretierte gut. So gut, dass sie, nachdem sie den Wettbewerb gewonnen hatte, für ihr erstes Album lediglich Soulnummern der Sechziger und Siebziger coverte. „Mind, Body and Soul“ (2004), das zweite Album, bezeichnet die Engländerin deshalb als ihr eigentliches Debüt. Mit „Introducing Joss Stone“ (2007) schien ihre musikalische Selbstfindung vorerst abgeschlossen.

          Mittlerweile scheint sich die Britin von der Vorstellung, jemals einen endgültigen Sound zu finden, verabschiedet zu haben. Vielleicht ist aber auch der Vintage-Glanz des Soul inzwischen abgestumpft. Wie dem auch sei, dass Joss Stone sich überhaupt getraut hat, anstatt des klassischen Soulinstrumentariums die stark betonte Zwei und Vier der Reggae-Baseline als Begleitung zu wählen, liegt an Damian Marley. Bei dem gemeinsamen Bandprojekt SuperHeavy (an dem auch Mick Jagger und Dave Stewart beteiligt sind) habe der jüngste Sohn des Reggae-Urvaters die Sängerin ermutigt, das Experiment zu wagen.

          Die vierzehn Songs wirken wie aus einem Guss. Dass dabei keine großen Überraschungen zu hören sind, qualifiziert den Sound zu angenehmer Hintergrundmusik und ist wiederum dem konzeptuellen Sinn der Sängerin zu verdanken:  „Water For Your Soul“ etwa, der titelgebende Track, schaffte es kurioserweise nicht auf die Platte, weil er ihr zu elektronisch klang. Echte Roots-Reggae-Fans wiederum könnten sich an den Streichern stören, die den Liedern teils eine allzu vornehme Anmutung verleihen.

          Ihr Können entfaltet die gesangstechnisch extrem versierte Stone gewohnt beeindruckend. Stutzig wird man erst, wenn man merkt, dass „Molly Town“ wie „Fell In Love With A Boy“ klingt, ein früher schon von Stone gecoverter White-Stripes-Song. Oder wenn sie in „Underworld“, wo alle frei und high scheinen und nichts kompliziert, oder in „Wake Up“ von einer nicht näher definierten Bewegung, sogar von Revolution trällert. Wie jetzt, Joss Stone als Korrespondentin aus Kingston?

          Dabei geht es ihr meist doch nur um die schwierige Suche nach privatem Liebes- und Alltagsglück. Auch sonst scheint der Fokus auf jamaikanische Einflüsse eher beliebig, zuweilen fast karnevalesk, wenn Stone stellenweise ihren britischen Akzent ablegt, um die Aussprache von Reggaemusikern zu imitieren.

          Und so bleibt sie auch nach diesem Album weiterhin die Soulsängerin mit der unglaublichen Farbenvielfalt in der Stimme und dem Freigeist-Image. Die gerne rumprobiert, gern auf Jamsessions mitmischt, gern auch mit Cannabis. Ob da noch etwas weniger Epigonales kommt? Es bleibt zu hoffen.

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