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Album der Woche: Kurt Vile : Die somnambule Meerjungfrau

  • -Aktualisiert am

Mit schlafwandlerischer Sicherheit greift er nach den Riffs: Kurt Vile. Bild: Marina Chavez

Die Wurzeln im Folk, den Kopf der Herbstsonne zugewandt: Kurt Vile hat mit „B’lieve I’m Going Down“ ein großartig unaufdringliches Album produziert. Es geht schnell ins Ohr und bleibt dort erstaunlich lange.

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          Kurt Viles neues Album „B'lieve I'm Going Down" sollte man nicht beim Joggen hören. Die Gefahr wäre zu groß, entweder ins Schlendern zu kommen oder sich gleich ins Gras zu setzen, das Gesicht der herbstlichen Sonne zugewandt.

          „Pretty Pimpin" eröffnet das Album mit einem Lacher: „I woke up this morning / Didn't recognize the man in the mirror / Then I laughed and I said, 'Oh silly me, that's just me' / Then I proceeded to brush some stranger's teeth". Das Lachen könnte einem im Hals stecken bleiben, wäre Vile nicht ein derart entspannter Zeitgenosse. Fast klingt er, als wäre ihm egal, ob man ihn versteht. Mitunter murmelt er den Gesang in sich hinein, womöglich bleiben auch seine Worte einfach auf halber Strecke in dem Vorhang aus dunklen Locken hängen, hinter dem sich der Hüne zu verstecken scheint.

          „Pretty Pimpin“ von Kurt Vile

          Bei seinen Auftritten sieht man nur die meerjungfrauhafte Haarpracht. Aber Vile muss sein Fingerpicking auch gar nicht mit Mimik untermalen. Was er man von ihm sehen muss, sind seine Finger. Und wenn er etwas sagt, dann ist das nicht spektakulär, aber gut. „I could be one thousand miles away but still mean what I say“, heißt es in „Pretty Pimpin“ weiter. Die eingängige Melodie mit ihrer Neigung ins Blasse und der verlässlich stapfende Rhythmus verleihen dem Song gerade in seiner Unaufgeregtheit Größe.

          In „I’m An Outlaw“ erzählt das Banjo, manchmal umgarnt von einer Gitarre, von anderen Zeiten, von einer Einfachheit, die heute nicht mehr leicht zu finden ist. Vile stiefelt als Vogelfreier in die Freiheit – entschlossen und dabei bestechend langsam. Stolz und zart, ist dieser Gegensatz ist zum Niederknien schön.

          Unschlüssige Begegnung von Melodie und Text

          Im Song „Dust Bunnies“ treibt Vile die Verschrobenheit auf eine ausgesucht flache Spitze, als er davon singt, dass er Kopfschmerzen hat wie ein Staubsauger, der Wollmäuse hustet. Und dabei so entspannt klingt, als würde er den Wollmäusen beim Entstehen zusehen.

          Ein Gefühlsausbruch bei diesem Menschen? Schwer vorstellbar. Zum Glück, sonst wäre aus Vile vielleicht noch ein Heulbarde statt einer somnambulen Meerjungfrau geworden. Seine Beobachtungen garniert er gern mit schwarzem Humor und tut sie mit einem „That's Life, tho (almost hate to say)“ ab. Und bevor ihm die Melodie noch zu funky wird, lässt er sie lieber von einem wabernden Vibraphon abholen und ins Nirwana begleiten.

          „Life like this“ von Kurt Vile

          Kurt Vile wurde 1980 in Philadelphia geboren. Sein Vater war Zugführer und hatte eine Schwäche besonders für für Blues und Cajun. Mit sieben Jahren lernte Vile Trompete, mit vierzehn griff er zum Banjo. Vile konnte nicht aufs College gehen und arbeitete stattdessen als Gabelstaplerfahrer in einer Brauerei, acht Stunden am Tag. Die restliche Zeit widmete er seiner Musik. Und las mit 17 Biographien von The Velvet Underground, Sonic Youth, Bob Dylan, Neil Young. Mittlerweile hat sich Vile einen Namen gemacht, und die Sonic-Youth-Legende Kim Gordon schrieb die Liner Notes zu seinem neuen Album.

          Dem hört man zwar die Wurzeln im Folk oder Americana an, aber man kann das Album auch sehr gut hören, wenn man nicht viel mit Country anfangen kann. Auf „B’lieve I’m Going Down“ klingt Vile, als mache er seine Musik direkt auf dem Sofa. Auch zum Hören eignet sich dieses Möbelstück ebenso vorzüglich wie die Herbstsonne. Ist Kurt Vile leicht melancholisch? Oder musiziert er eher mit melancholischer Leichtigkeit? Die Unschlüssigkeit jedenfalls ist hinreißend: Mag das Album noch so unaufdringlich klingen, es schlägt uns doch in seinen Bann.

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