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Album der Woche : In diesen Adern pulsiert Schmalz

  • -Aktualisiert am

Effizienzkünstler: Bryan Adams Mitte Oktober in Karlsruhe Bild: dpa

Mit „Get Up“ legt Bryan Adams ein gut produziertes Album vor, dessen absehbare Lieder vor Einfallslosigkeit zugrunde gehen. Und ihre eigenen Titel Lügen strafen: Rock ’n’ Roll ist das nicht.

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          Alles, was man über das neue Album „Get Up“ von Bryan Adams sagen kann, klingt sofort unfreiwillig böse. Es sei denn, man ist der Urheber persönlich. Dann kündigt man an, dass „Get Up“ das Album ist, das man gerne vor 25 Jahren aufgenommen hätte. Doch zum Glück ist es dazu nicht gekommen, sonst wäre dem kanadischen Schmusebarden mit dem gefühlvollen Knuspern in der Stimme eine beachtliche Karriere entgangen.

          Dabei kommt der Opener „You belong to me„ sogar ganz aufrecht und adrett daher. Ehrliche Altemännermusik mit Nuancen für die sentimentale Seite, angetrieben durch flotte Stromgitarren – best of both worlds, wenn man so will –, doch danach schlafft das Album erschreckend schnell ab. Mit etwas Abstand betrachtet wirkt es sogar so, als würde Bryan Adams mit dem ersten Song nur Anlauf nehmen, damit sein musikalischer Tiefpunkt schneller erreicht wird.


          Im zweiten Song „Go Down Rockin’” besingt er, dass er, wenn er untergeht, dabei rocken wird. Ein Versprechen, das er leider nicht einhält. Die Texte, Akkorde und Melodien sind todlangweilig. Von den Songs bleibt nicht viel hängen, außer dass hier absehbare Strukturen und naheliegende Reime zu Liedern mit Allerweltsnamen zusammengefasst wurden. Der Albumtitel „Get Up“ ist also auch nicht als Aufruf von Bryan Adams an sich selbst zu verstehen, aus dem Gähnen der letzten Alben herauszutreten. Doch scheint ein Konzept hinter den dreizehn einfallslosen Liedern zu stecken, das eisern durchgehalten wird, denn: „Get Up“ zeichnet sich am entschiedensten dadurch aus, dass es bloß ein weiteres Musikalbum auf dieser Welt ist.

          Das Bittere an dem Album ist, dass alle Instrumente soundtechnisch genau so eingestellt sind, wie man sie sich von ehrlicher Rockmusik wünscht – sogar die modernen Synthesizer und Handclaps wirken klangfarblich nicht fehl am Platz. Bloß bleibt der Wunsch einfach unerfüllt, dass Adams die Instrumente so spielen könnte, wie man es nicht schon tausendmal gehört hat. Songs wie „That’s Rock ’n’ Roll“ zeigen eher, dass das Gegenteil ihres Titels der Fall ist.

          War das Kehlige in Bryan Adams Stimme früher noch ein Qualitätsmerkmal seiner Musik, neigt der Hörer mittlerweile dazu, ihm keine einzige aufgesetzte Heiserkeit mehr zu glauben, die Gefühl und Authentizität in die Lieder zwingen will. Bei dem prätentiös-rockigen Singsang möchte man Adams lieber ein Glas Wasser anbieten, oder ihn zumindest darauf hinweisen, sich doch mal kurz zu räuspern. Am eindringlichsten zeigt sich die Leblosigkeit der Lieder quillt im unerträglichen „We Did it All“. So wie Bryan Adams über Herzschläge singt, scheint das menschliche Herz nicht die lebenserhaltende Blutzirkulation anzutreiben, sondern fingerdicken Schmalz zu produzieren. Gesund ist das nicht.


          Dem Albumcover nach schämt er sich selbst so sehr für seine vertonte Langeweile, dass es nicht reicht, wenn er sich selbst an den Kopf fasst. Eine Frau kommt ihm aus dem Hintergrund zu Hilfe – mit abgewandtem Gesicht, aber dafür mit beiden Händen. So belanglos das Album auch ist, muss man aber anerkennen, dass es sehr effizient haushält. Neun Songs mit vier alternativen Akustikversionen auf dreizehn Titel strecken, das ergibt grob überschlagen ungefähr folgende Rechnung: Hundertfünfzig erzwungene Prozent aus bescheiden wenig Substanz. Das schafft nicht jeder.

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