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Album der Woche: Warpaint : Groove mit Schlafzimmerblick

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Hörprobe: „Keep It Healthy“ Bild: Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg, Stella Mozgawa

Bekümmert, aber nicht depressiv: Die vier Frauen von der Band Warpaint wissen, wo es langgeht. Mit ihrem zweiten Album bringen sie Eros und Thanatos zum Schwofen.

          Ihr Debütalbum erblickte rund sechs Jahre nach Bandgründung das Zwielicht der Öffentlichkeit, für ihre zweite Langspielplatte, die dieser Tage erscheint und denselben Namen trägt wie die Band, benötigte das Quartett aus Los Angeles nur noch etwas mehr als drei Jahre: Warpaint haben also, für ihre Verhältnisse, Tempo aufgenommen, was in erster Linie für die Veröffentlichungspraxis gilt, für ihre Songs allenfalls bedingt; die bleiben getragen, schwerblütig, einer wohltemperierten Tristesse verpflichtet, wie aus dem süßen Jenseits herangeweht.

          Nach dem Erfolg von „The Fool“ galt es zunächst, ausgiebig auf Tour zu gehen und dann darauf zu warten, bis der gewünschte Produzent Zeit finden würde, sich ihrer neuen Kompositionen anzunehmen. Mark Ellis, besser bekannt unter dem Namen Flood, hat immerhin schon den Sound von U2, Depeche Mode oder PJ Harvey veredelt. Der lange Entstehungsprozess des Albums „Warpaint“ erklärt sich zudem dadurch, dass die vier Musikerinnen hörbar viel Wert auf ein anspruchsvolles Klangbild legen. Die Schönheit versteckt sich nicht im Detail, in Halleffekten und Keyboardschnörkeln etwa; in den sich mählich auflösenden Songstrukturen ist sie allgegenwärtig, doch sie braucht Zeit, um sich zu entfalten.

          Gitarre, Schlagzeug, Bass und der schwerelose, schemenhafte Gesang von Emily Kokal und Theresa Wayman erzeugen eine sinistre Grundstimmung, die entfernt an den Dream Pop der Cocteau Twins erinnert, an die New-Wave-Albträume von Siouxsie and the Banshees, den trübsinnigen Post-Punk von Joy Division. Sie gemahnt also an eine Epoche, in der man sich gar nicht schlecht genug fühlen konnte, wollte man mit dem Zeitgeist Schritt halten. Allein „Disco/Very“ fällt mit seiner treibenden Basslinie und einer halbgaren Rap-Einlage mit Kriegsbemalung aus dem Rahmen: „Don’t you battle / We’ll kill you / Rip you up and tear you in two“.

          Solch harsche Worte benutzt das Vierergespann sonst nicht. Es bevorzugt die zartbitteren Zwischentöne, das leise Wehklagen, eine diesige Atmosphäre, in der die Liebe, das Sterben und das Tanzen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. So wird „Love Is to Die“, gemixt von Radiohead-Produzent Nigel Godrich, dank der hervorragenden Rhythmusgruppe um Schlagzeugerin Stella Mozgawa zum schmachtenden Danse macabre. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie der Groove mit Schlafzimmerblick, hier und da verstärkt durch den Einsatz eines Drumcomputers, auf „Warpaint“ in den Vordergrund rückt. In dieser Hinsicht hat sich die Band gegenüber dem Erstling deutlich weiterentwickelt, ohne sich gleich an die Clubkultur ranzuschmeißen, wie das ja bei manch einer überambitionierten Rockband schon vorgekommen sein soll.

          Der Gefahr, ins Nebulöse und Gleichförmige abzugleiten, die bei dieser Art von Musik immer besteht, entgehen Warpaint durch Finesse und Präzision. Das deutet sich bereits im „Intro“ an, das kurz aus dem Takt gerät, zurück in die Spur findet und anschließend umso zielgerichteter mit beklemmenden Gitarrenschlieren, einem dröhnenden Bass und polternder Perkussion den Ton für alles Weitere vorgibt. Es reflektiert zugleich die Genese der Songs, die aus spontanen Jamsessions heraus entstanden. Sehnsüchtig und verführerisch erheben sich im Fortgang des Albums die Harmoniegesänge, während sich traumverlorene Melodien wie die von „Feeling Alright“, einem der fesselndsten Stücke der Platte, regelrecht ins Unterbewusstsein des Hörers schlängeln.

          Durch schummerige Gefilde

          Traurige Musik, die glücklich macht, ist im Pop zwar keine Seltenheit. Sie kommt aber auch nicht alle Tage so fein austariert daher: zwischen einem sauertöpfischen Blick auf die menschliche Gefühlswelt und der zarten Hoffnung auf Linderung der Seelenpein. „Warpaint“ klingt bekümmert, aber keinesfalls depressiv, diffus, doch nicht orientierungslos. Die Melodiebögen wirken unberechenbar, aber immer folgerichtig. Die Songs packen einen und lassen so schnell nicht locker auf dem Weg durch schummerige Gefilde. Ob sie weitläufig und vertrackt angelegt sind oder nur flatterhaft und flüchtig dahingehaucht werden, nie drängt sich dabei der Verdacht auf, die Musikerinnen wüssten nicht, wo es langgeht.

          Anders als den künstlerisch ähnlich gelagerten Kollegen von der Gruppe The xx ist es Warpaint gelungen, die von dem exzellenten Debüt hervorgerufenen Erwartungen nicht im Geringsten zu enttäuschen. Das angeblich so schwierige zweite Album ist hier ein Kinderspiel und zeugt dabei von stiller Konsequenz. Das macht die Band zu einer Ausnahmeerscheinung auf dem Rummelplatz der Popmusik.

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