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Album der Woche : Wenn ihr schon geht, lasst wenigstens die Sonne hier!

  • -Aktualisiert am

Im Untergang von „Parklife“ träumen: The Good, the Bad and the Queen Bild: Pennie Smith

Damon Albarn hat mit seiner Supergroup The Good, the Bad and the Queen ein Album namens „Merrie Land“ aufgenommen. Es steht zynisch zum Brexit, ist trotzdem nicht ohne Heimatliebe – und großartig.

          4 Min.

          „Let England shake“, sang P.J. Harvey vor ein paar Jahren mit manisch-depressivem Timbre. Die Landschaft, die nun auf „Merrie Land“, dem neuen Album der englischen Supergroup The Good, The Bad and The Queen in den Liedtexten sowie in den konzeptuellen Musikvideos präsentiert wird, sieht aus, als hätte das große Beben inzwischen stattgefunden - graue, postapokalyptische Szenarien, vor denen ein seltsamer Clown seltsame Untergangslyrik von sich gibt:

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          All lost in a painting of a sky coloured oil
          In this Merrieland
          You are my crows, my window rattlers
          Perfumed valley criers
          Oh the dark ponds of Merrie England

          „Merrie“, wie es in alter Schreibweise heißt, also vergnügt oder geradezu weihnachtlich, klingt das jedenfalls nicht, es werden eher Assoziationen zu T.S. Eliots Langgedicht „The Waste Land“ geweckt. Das ganze Album wird, auch von den Beteiligten, als Kommentar zum Brexit ausgewiesen. Es handelt sich aber keineswegs um einen leicht zu verstehenden, leitartikelhaften Kommentar, sondern um sehr ambivalente Kunst. Allein das Titelstück provoziert eine Vielzahl von Deutungsaspekten, zum Beispiel ist nicht klar, ob das lyrische Ich darin durchgehend einer Person zuzordnen ist, oder ob es sich vielmehr um einen Dialog oder gar ein Mehrstimmenspiel handelt - auch wenn immer Damon Albarn singt (der natürlich auch hinter der Clownsmaske im Video steckt):

          If you are leaving
          Please still say goodbye
          And if you are leaving can you
          Leave me my silver jubilee mug
          My old flag
          My dark woods
          My sunrise

          So säuselt zu Anfang ein Zurückgebliebener, der an alten Dingen festhalten will. Spricht er mit Leuten, die England verlassen müssen, mit den abgeschnittenen Europäern? Oder handelt es sich einfach um einen Trennungsdialog zwischen zwei ehemals Verliebten? „If you are leaving / Can you leave your number“?, fragt er zumindest auch und öffnet damit ein Hoffnungstürchen, an das zurzeit manche noch glauben. In einem Interview hat Albarn tatsächlich angesichts des Brexits schon gesagt: „Wir kommen zurück.“

          Trotz der zynischen Kritik an einem überkommenen Nationalismus und an gewissen britischen Marotten scheint aber, auch das war bei P.J. Harvey schon ähnlich, auf  „Merrie Land“ durchaus auch ein Stückchen Heimatliebe durch.

          This is not rhetoric
          It comes from my heart
          I love this country
          Daneland I am your kin
          ,

          heißt es da einmal, und ob diese Stimme zum Sänger gehört oder nur ironisch zitiert wird, kann man debattieren. Ganz hilfreich ist ein weiterer autoritativer Hinweis, in dem Albarn „Merrie Land“ als Fortsetzung seines Blur-Hits „Parklife“ beziehungsweise des gleichnamigen Albums von 1994 bezeichnet. Ist einem die Ironie von „Parklife“ zwar als durchaus liebevolle in Erinnerung, so nähert sich „Merrie Land“ dem Thema englishness nun eben auf eher düster-sarkastische Weise. Das passt zum Gesamtgestus von The Good, The Bad and The Queen, denkt man auch dan das dunkelschöne Debüt dieses Albarn-Projekts aus dem Jahr 2007 zurück.

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