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Album der Woche : Das Hirn strahlt als böser Stern

„Korrpo TSCHELESTEE!“ Die Weltentrücktheit von Progenie Terrestre Pura führt über den Mond hinaus. Bild: Avantgarde Music

Heiliger Notenschlüssel aus Stacheldraht, was ist das denn? Auf „oltreLuna“, dem neuen Album der italienischen Band Progenie Terrestre Pura, wird der Weltraum brutal laut.

          Wenn sich Zähne im Mund eines schreienden Gottes auf einem Mond aus Eisen, der um einen Gasplaneten aus Nervengift kreist, gegenseitig langsam und knirschend kaputtbeißen könnten, müsste das genau so klingen: Ins Dunkelbrummen einer Grundbasslinie holzpoltern kuhwarme Stammestrommeln, bis eine breite Bronzeklinge aus elektrisch verzerrten Schneegestöbergitarren sie mittendurchschneidet, bevor Kampfmaschinen im Geschwindmarsch dazwischen sprengen, woraufhin die Doppelbassdrum eine Lawine losschüttelt, in deren Donner einer schreit wie vom kalten Kometen gestochen: „Il volere divino è il / moto del corpo celeste!“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Kaum sind die letzten beiden Wörter, welche „Himmelskörper“ bedeuten, ins Mikrofon gebrüllt – „Korrpo TSCHELESTEE!“ - wird’s zweitausend Zacken schneller, ein „Zeitsturm“ (Perry Rhodan, Heft 2867, verfasst von Michelle Stern) bricht los, der dann aber nach zwei Minuten und etwa fünfunddreißig Sekunden umstandslos und gut abgefedert ausgebremst wird, um in eine aufreizend ruhige Sorte Groove als aus der Astralwelt her wehende milde Brise überzugehen, in die sich ein unterm Baum meditierender Buddha hüllen kann wie in ein luftig-edles Prinzengewand.

          Wer nicht folgen kann, wird mitgeschleift

          Heiliger Notenschlüssel aus Stacheldraht, was ist bitte DAS denn? Das ist die Eröffnungsnummer des mehr oder weniger neuen (jedenfalls erst seit kurzem einigermaßen rasch auf CD erhältlichen) Albums der italienischen Band Progenie Terrestre Pura (sowas wie: „rein irdische Nachfahren“ oder „Nachfahren der irdischen Reinheit“ oder sonst ein sciencefictionales, avantgardistisches Kompositum). Die Platte heißt „oltreLuna“, sie führt über den Mond hinaus. Drei Leute aus Italien sind dafür verantwortlich, angeblich (es könnten aber auch zwei oder sechsundzwanzig halbe sein, nach beidem klingt es an unterschiedlichen Stellen, in unterschiedlichen Wendungen und Biegungen dieser tollen Musik). Progenie Terrestre Pura spielen extremen Heavy Metal mit Haaren aus Jazz und verfitzelten Wurzeln im Progressive oder auch Space Rock der Siebziger bis Neunziger des letzten Jahrhunderts und diversen Metal-Echos jener Stilseltsamkeiten, irgendwo zwischen Hawkwind, Voivod, den Silver Apples, Ozric Tentacles, dem Krautrock und dem Lärm einer startenden NASA-Rakete. Forcierte Weltentrücktheit, fast immer mehr als sechs Minuten lang, oft deutlich länger, und je weniger man folgen kann, desto lieber wird man mitgeschleift und durchgeschockt, breitgeträumt und spitzgeschliffen von den Strukturen, von der Dynamik, vom Können und Wollen der Band.

          Schon ihre erste lange Platte, „U.M.A.“ aus dem Jahr 2014, war ein hochobskures Klangobjekt von wunderbar geordneter Undurchschaubarkeit, dessen letztes Stück daher mit Recht „Sinapsi Divelte“ hieß, auf deutsch also: „zerstörte Verknüpfung zwischen Nervenzellen“. Wollte man eins dieser Diagramme malen, die mit visuellen Mitteln die Dramaturgie einer musikalischen Komposition oder Aufführung darstellen sollen, dann müsste „U.M.A.“ wohl aussehen wie die sogenannte 600-Zelle der höheren Geometrie, auch unter dem Namen Hexacosichoron bekannt, eine Absonderlichkeit mit 1200 Flächen, 720 Kanten und 120 Ecken. „U.M.A.“ ist eine Abkürzung für „Uomini, Macchine, Anime“, also Menschen, Maschinen und Trickfilmfiguren (bzw.“Seelen“ auf italienisch), was ja alles drei (bzw. vier) hörbar auf die Leute zutrifft, die sich Progenie Terrestre Pura nennen, und die besagten Zeitsturm… nein, Moment mal. Anders. Ganz anders. Zeitsturm? Mag sein, nur: Dass Musik eine Zeitkunst ist, dass sie also vergeht, während man sie genießt, dass man zum Beispiel zwar Notenschrift, aber nicht wirklich die Musik selbst in einer Anmutung von „ist so, bleibt so“ fixieren kann wie einen Text oder ein Gemälde, denen es egal ist, wie lange man braucht, um sie zu erfassen, das erzählt einem heute jeder Eierkopf auf dem Konservatorium oder in der Pop-Intelligenzpresse. Stimmt ja auch, Zeit gehört zur Musik, Rhythmus und Tempo sind wichtig – wer wüsste das besser als Menschen von der Fakultät „Heavy Metal“, wo es doch in dieser Richtung zahlreiche Untergenres gibt, die durch ihren Zeitbezug bestimmt sind (Doom Metal ist laaaaaaangsam, Speed Metal ist schnellschnellschnellschnell, usw.).

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