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Album der Woche : Das Hirn strahlt als böser Stern

Heavy Metal handelt aber von unvernünftigem Nichteinverstandensein („We’re not gonna take it“, heißt es bei Twisted Sister), von Wut, Trotz, Stolz, Verweigerung, Aufruhr, Zerstörung, kurz, von der Behauptung: Ihr sagt, da draußen sei was, aber wir sagen, da draußen ist nichts, und was da trotzdem sein mag, das kann uns mal. Nachmetaphysischer Krawall also, die schwarze Zukunft („Black Future“, Vektor). Aber kann Heavy Metal so spekulativ, so futuristisch sein? Ist das Spekulative und Futuristische nicht eher beim Techno daheim, hören künstliche Intelligenzen nicht Drum’n’Bass (der freilich auch schon wieder von gestern ist, wie viele der retrofuturistischen ästhetischen und quasiphilosophischen Auseinandersetzungen mit dem Hyperfetisch „künstliche Intelligenz“ auch), sind die Zuständigen für diese Stoffe nicht eher Roni Size, Drexciya oder technifizierte Formen großer moderner bis spätmodernistischer, überwiegend von afro-transatlantischen Menschen geschaffener Seelenmusik, Werke von Janelle Monáe, Laura Mvula, FKA twigs?

Roboter, nehmt euch in acht!

Keine Kunstrichtung hat ein Monopol auf einen Stoff. Die Begegnung von Menschen und Techniken und Themen und Emotionen hat mehr Austragungsflächen als eine 600-Zelle, und wo das objektiv gilt, gilt es subjektiv noch viel mehr (meine bisherigen beiden Lieblingsplatten dieses Jahr fühlen sich gleichermaßen an wie von morgen und sind doch extrem verschieden, einmal Metal, nämlich eben die neue Progenie Terrestre Pura, und das andere mal Elektronikasophie mit phantastischer Frauenstimme, „Fin“ von Syd). Unter Personen, die sich von Gitarrensounds schon länger verabschiedet haben, gibt es das platte Urteil, eine Musik wie Heavy Metal könne gar nicht von der Überschreitung des irdischen Hier und Jetzt handeln, man müsse sich doch nur mal diese ganzen Wikinger, Barbaren, Zombies auf den Plattencovern angucken, die mittelalterliche Satansikonographie, die Körper der Musiker, die mit ihren Muskeln und Posen andeuten, man müsse ganz stark, ja ein halbes Tier sein, um diese Klänge hervorzubringen, nichts als Atavismus, Rückständigkeit bis runter ins Biologische.

Tatsache ist aber, dass Heavy Metal teils per Verweigerung der automatisierten und computerisierten Gegenwart, teils per übertriebener Steigerung des Unmenschlichen, das die eindrucksvollsten Maschinen seit der industriellen Revolution auszeichnet, an Fortschritt und Ultrafortschritt geradezu gefesselt ist wie Prometheus an den Felsen. Um Gitarrensoli einer bestimmten Frequenzhöhe spielen zu können und davon nicht gespalten zu werden, so sehr jaulen die, muss man fast ein Roboter sein, suggeriert der Klang selber, und eins der überzeugendsten Stücke auf „U.M.A.“ von Progenie Terrestre Pura heißt „Sovrarobotizzazione“, Überroboterisierung.

Das, was diese Band macht, handelt davon, dass Menschen, für die der Moment unmittelbar bevorzustehen scheint, da sie am Arbeitsplatz, im Bettchen und beim Wählen durch Bots und blinkende Kaugummi-Automaten ersetzt werden, deswegen nicht verstummen müssen, sondern im Gegenteil. Der wogende Friede, der ruhige Bass gegen Ende der Schlussnummer „Proxima:B“ auf „oltreLuna“ scheint sagen zu wollen, dass die Leere, in die sich wirft, wer die Ungewissheit namens Zukunft voll akzeptiert, in Wirklichkeit nicht leer ist. Sie ist in Wirklichkeit ein Ozean voll mit unentdecktem Leben, unbekannter Intelligenz und Schönheit. Ein Meer des Möglichen.

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