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Album der Woche : Das Hirn strahlt als böser Stern

Außerirdisch superkomplizierter Extremkrach

Wer aber Kopfhörer oder schöne Arrangements großer Lautsprecher lieb hat, weiß natürlich, dass diese Zeitkunst Musik mindestens ebenso sehr eine Raumkunst ist, auch wenn das in der Popmusik selten so konsequent genutzt wird wie beim Meisterwerk der Flaming Lips „Zaireeka“ (1997, lieber Gott, das ist jetzt also auch schon wieder zwanzig Jahre her, unfassbar, wie alt echte Neuheiten sich irgendwann anfühlen können), das man auf vier verschiedenen CDs GLEICHZEITIG abspielen muss, weil man es sonst nicht voll erleben kann.

Die äußerste Abstraktion von Raum aber ist bekanntlich der Kosmos insgesamt, und da spielt immer mehr ausgezeichneter Heavy Metal, das heißt: immer mehr Zeug dieser Gattung versucht, sich anzuhören, als wäre er so ausgedehnt, kalt und schwarz wie der viele, viele Platz zwischen den am weitesten voneinander entfernten Himmelskörpern, obwohl dieser viele Platz, da ohne Medium, das entsprechend schwingen kann, ja eigentlich nach gar nichts klingt und stumm ist.

In diesem Jahr gab’s außer der neuen Progenie Terrestre Pura schon mindestens eine weitere Sternstunde für besagte jüngere Entwicklung, die Wiederveröffentlichung des Dunkeldiamanten „Muukalainen Puhuu“ der stygisch finsteren Oranssi Pazuzu aus Finnland, benannt nach einem altbabylonischen Höllenmonster. Das alles überragende Spitzen-Dreigestirn der Sparte „außerirdisch superkomplizierter Extremkrach“ sind allerdings die drei Alben der ungeheuerlichen und herrlichen Vektor aus den Vereinigten Staaten von Amerika, „Black Future“ (2009), „Outer Isolation“ (2011) und – überhaupt das Beste, was die Richtung zu bieten hat – „Terminal Redux“ (2016). Vektor sind mittlerweile an bandinternen Schwierigkeiten zerbrochen, übrig blieb allein der großartige Gitarrist und Sänger David DiSanto, der allerdings hat erklären lassen, dass es Vektor weiter geben werde, solange er überhaupt lebt; man kann nur sehnlichst hoffen, dass er bald neue Mutanten findet, die auf seinem Niveau mitexplodieren können.

Das unvernünftige Nichteinverstandensein des Metal

In gewisser Weise kann man von allen dreien, Oranssi Pazuzu, Vektor und Progenie Terrestre Pura, wohl sagen, sie seien Erben der kanadischen Thrash-und-Undefinierbar-Metal-Band Voivod, die schon immer ähnlich groß und weit und tief gedacht und musiziert haben, immer auf der Suche nach ästhetischen „macrosolutions to megaproblems“, wie es auf einem der Hochplateaustücke ihrer Platte „Dimension Hätröss“ (1988) heißt, in stetem Kontakt übrigens auch mit den eigenen Vorläufern beim Wir-kommen-aus-dem-Weltraum-Gestus, wie die brillante Voivod-Coverversion von Pink Floyds „Astronomy Domine“ auf „Nothingface“ (1989) belegen mag. Na gut, nur: Was meinen aber alle diese Musiker eigentlich mit „Weltraum“?

Ein ganz tiefer Griff in den Abgrund, in die „Lawless Darkness“ (wie die Black-Metal-Band Watain röchelt), erinnert die Sinne und den Verstand daran, dass man im Abendland, wo die Idee der technischen Erschließung des Weltraums geboren wurde, immer davon ausgeht, es gäbe überall im Weltraum Dinge, und hinter denen stecke noch irgendwas, das sich nicht auf den ersten Blick enthülle, Atome, Ideen, Substanzen, Substrate – diese abendländische Art zu denken und zu empfinden hat man „Metaphysik“ genannt, also die Vermutung, über die Physis hinaus (meta) gebe es Gründe. Da draußen ist was, sagt die Vernunft.

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