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Album der Woche von N.E.R.D. : Revolutionshymnen aus dem Flipperautomaten

  • -Aktualisiert am

Die Wahrheit macht dich frei aber erstmal bringt sich dich auf die Barrikaden: Pharell Williams Bild: dpa

Hip-Hop-Star Pharell Williams macht mit seinem alten Projekt N.E.R.D. weiter – aber ob das noch so recht zündet? Da trifft Black Power auf Ed Sheerans Adventskalender-Sentimentalität.

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          Es ist das Versprechen der Monotheismen, aber auch jenes der Popmusik: „No one Ever Really Dies“ – der Tod ist eine Illusion, keine Sorge, irgendwie wird es schon weitergehen. Im Purgatorium, nach der Auferstehung, oder eben im nächsten Song. Das Akronym, unter dem die beiden Schulfreunde Pharell Williams und Chad Hugo gemeinsam mit Shay Haley Rock, Hip-Hop und Funk in tanzbare Formen gießen, steht für dieses Versprechen. Nun melden sich N.E.R.D. nach siebenjähriger Pause mit einem neuen Album zurück. Vom wunderbaren Infantilismus, von Lust und Ewigkeit ist dabei nur wenig geblieben.

          Denn „No One Ever Really Dies“ (so auch der Titel des Albums) fühlt sich an wie ein großangelegtes Modernisierungsprogramm, klanglich wie textlich. Zwar gelten Williams und Hugo, zwei der erfolgreichsten Produzenten der Musikbranche, weiterhin als feinfühlige Erspürer neuer Trends – man denke nur an die Pharrells Feder entsprungenen Festzelthymnen „Happy“ und „Get Lucky“, die 2013 weltweit den kleinsten musikalischen Nenner ermittelten. Um das Nebenprojekt N.E.R.D. aber war es zuletzt still geworden. Sogar der Titel des letzten Albums schien das anzuerkennen: „Nothing“.

          Dabei waren Williams und Hugo als Produzenten maßgeblich am Klang der späten Neunziger sowie der Zweitausender Jahre beteiligt. Ob man es wusste oder nicht: In Kaufhäusern, vor Autoradios, bei Großveranstaltungen und Sportereignissen lauschte man den Hits, die das Duo unter dem Namen The Neptunes Künstlern von Jay-Z über Snoop Dogg bis Justin Timberlake und Britney Spears auf den Leib geschrieben hatte. Das klang selten beliebig: Teil des Erfolgs war vielmehr ein charakteristischer Sound mit hohem Wiedererkennungswert. In dessen Zentrum stand eine konzentrierte, funkige Bassline, umspielt von stampfenden Drums und warmen Percussions, denen die sonstige, meist spärliche Instrumentierung untergeordnet wurde. Wer diesem Sound nachspüren möchte, sollte sich noch einmal „Superthug“ anhören, den ersten größeren Erfolg des Produktionsduos. Es grenzt schon ans Wunderbare, wie hier eine Hook allein dadurch entsteht, dass der Rapper Noreaga siebenmal hintereinander das Wörtchen „what“ auf einen hart angespielten Bass bellt. Selten wurde die Gleichgültigkeit gegenüber veralteten Spielregeln so präzise in Musik übersetzt. Der Neptunes-Sound, das war gekonnte Reduktion: Nachzuhören in Stücken wie Ol‘ Dirty Bastards „Got Your Money“, Kelis‘ „Milkshake“ (grandiose Einfachheit: „La la, la la la“), Mystikals „Shake Ya Ass“ oder Britney Spears‘ „I’m a Slave 4 U“.

          Am Ende des Eskapismus?

          Auch N.E.R.D. funktionierte vor allem durch die Unterordnung des Melodischen unter das Rhythmische, auch wenn zur Hip-Hop-Rock-Funk-Mixtur eine wohldosierte Portion Punk hinzukam. Mit Singleauskopplungen wie „Hot-n-Fun“ (2010) aber begann man, sich selbst zu musealisieren: Der verwässerte Remix von „Got Your Money“ bezeugte vor allem Einfallslosigkeit. Statt der hypnotischen Kelis schwebte nun Folkpop-Klingel Nelly Furtado in die Hook ein wie ein deux ex machina, der sich in der Vorstellung geirrt hat: „Look at you, look at me/look at you, look at me/hot-n-fun, hot-n-fun“, heißt es da, und, fast schon reuig: „Okay we wrote this for a purpose / to motivate you at the time“. Belanglosigkeit als Programm.

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