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Album der Woche von N.E.R.D. : Revolutionshymnen aus dem Flipperautomaten

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Dass „No One Ever Really Dies“ dagegen politisch sein möchte, weil heißer Spaß sich dieser Tage schnell dem Vorwurf des Eskapismus ausgesetzt sieht, wird von der ersten Zeile an deutlich: „The truth will set you free, but first it will piss you off“. Auch bei N.E.R.D. ist Amerika eine krisengeschüttelte Nation auf der Suche nach Erneuerung, ein Ort „where corporations won’t pay/for effects they cause“. Liebesgeschichten nehmen nicht mehr im Club, sondern auf Demos ihren Anfang, und selbst Drachen steigen nur noch, um Grenzen zu überwinden („Kites“ mit Kendrick Lamar und M.I.A.). So weit, so eindeutig. Das spiegelt sich auch auf der klanglichen Ebene: Hin und wieder sind Spuren der alten N.E.R.D.-Instrumentierung erkennbar, der düstere Mantel des Trap jedoch liegt über allem wie der Schatten des Präsidenten über seinem Land. Es ist ein komplexerer, verspielterer Sound, mit schleppenden Basslines und knisternden Hi-Hats anstelle der alten Drums. Auch die Songstrukturen sind weniger linear, dazu gibt es finstre Synths und sogar traptypische Adlibs („Skrt“, „Sheesh“). In Songs wie „Lightning Fire Magic Prayer“ oder „ESP“ wächst sich das zu halluzinatorischen Environments aus, aber auch zu albtraumhaften Hetzjagden durch bunte Elektronikkostüme („Rollinem 7’s“) oder zur minimalistischen Tanznummer „Lemon“, in der Rihanna als Gastrapperin überzeugt. Mit dabei sind außerdem André 3000, Future und Gucci Mane. Fast möchte man Pharrell zustimmen, wenn er ruft: „Motherfucker we ain’t finished“.

Doch das wäre zu viel gesagt. So recht passen will es nicht, wenn in „Secret Life of Tigers“ Stadionrock und Trapbeat miteinander harmonieren sollen. Oder wenn Ed Sheerans schwer erträgliche Adventskalender-Sentimentalität mit Dancehall kollidiert. Insbesondere die zweite Hälfte des Albums wirkt mitunter repetitiv. Unfreiwillige Komik erzeugt außerdem das Nebeneinander von neuem politischem Bewusstsein und gegenläufigen Genrekonventionen – so in „1000“, einer hochgepitchten Revolutionshymne aus dem Flipperautomaten, in der Future Vermögenswerte vorrechnet, als sei nichts gewesen: „Champagne in the club costs thousands/We got gold by the bar, that’s thousands“. Insgesamt aber ist etwas gelungen, das sich zu hören lohnt. Allein schon wegen des gemeinsam mit Kendrick Lamar eingesungenen „Don’t Don’t Do it!“, dem engagiertesten Track des Albums. Verhandelt wird der Fall des Afroamerikaners Keith Lamont Scott, der im September 2016 bei einer Polizeikontrolle erschossen wurde – angeblich, weil er eine Waffe getragen und nicht kooperiert hatte. „They wanna see your hands, tell you hold up your arms (Something says)/Don’t do it, don’t don’t do it“ – das Heben der Hände, auf dem Dancefloor eine selbstverständliche Geste, wird problematisch, sobald man Vertretern einer rassistischen Staatsgewalt gegenübersteht. Immer wieder rief Scotts Ehefrau, die den Vorfall gefilmt hat, ihrem Mann und den Polizisten zu: „Don’t do it!“ Auch das kann dieses Album: Verzweiflung ausdrücken angesichts der Tatsache, dass das Befolgen der Regeln womöglich ebenso tödlich endet wie das Auflehnen gegen sie.

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