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Album der Woche : Ein Sprung in der Schüssel

Sind nach sechs Jahren Pause zurück: Fleet Foxes Bild: dpa

Was tun, wenn plötzlich alle eine Folkband gründen? Die Fleet Foxes haben die Welle, die sie mit ausgelöst hatten, vorbeirollen lassen. Und zeigen nach sechs Jahren Pause auf „Crack-Up“, wie man aus der Tradition heraus doch noch Neues schaffen kann.

          3 Min.

          Als es Scott Fitzgerald schlecht ging, so schlecht, dass er sich des Schreibens kaum noch mächtig fühlte und er sich vorrangig dem Trinken widmete, entstand in dieser seiner dunkelsten Stunde die Essay-Reihe „The Crack-Up“. „Of course all life is a process of breaking down…“ – der Einstieg Fitzgeralds verrät viel über seinen Gemütszustand im Jahr 1936: Er war hoch verschuldet, litt unter Depressionen und war als Schriftsteller weitestgehend vergessen. Den Leistungsdruck seines künstlerischen Daseins resümierte er in „The Crack-Up“ – und brachte zugleich seinen persönlichen Tiefpunkt zum Ausdruck.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin

          In Anlehnung daran haben die Fleet Foxes ihr drittes Album „Crack-Up“ veröffentlicht. Die fünfköpfige Band aus Seattle ist nach einer längeren Pause zurück – und ergründet auf den Spuren Fitzgeralds ihr eigenes künstlerisches Vermächtnis, formt es um und hält zugleich an dem ihm eigenen Zauber fest: elf Stücke, die das Ausnahmetalent Robin Pecknold geschrieben und co-produziert hat.

          Im ersten Moment klingt die Platte nicht zwingend nach großen Überraschungen. Das liegt auch an der Unverwechselbarkeit der von Pathos getriebenen Stimme Pecknolds, an dem ungeminderten Hang zu mehrstimmigen Gesängen und dem Zugeständnis, das die Band ihrem eigens geprägten Stil, dem barock-folkloristischen Indie-Rock, macht: Nein, die Fleet Foxes experimentieren nicht mit elektronischen Klängen und Verfremdungsmechanismen wie Bon Iver oder Tame Impala. Sie sind sich treu geblieben – und warum auch, mag man sich fragen, wenn die chorartigen Gesänge einsetzen und sich hinaufschwingen in ewig andauernde Klangsphären, warum auch sollte man etwas verändern, das so authentisch und tragend und alles in allem so wunderschön ist?

          Ein unübersichtliches Mosaik

          Die Unbedarftheit der ersten beiden Alben ist auf „Crack-Up“ einer klanglichen Mystik gewichen. Einzelne Stücke sind nicht klar voneinander abgegrenzt, gleiten ineinander über, während andere gleich mehrere Songs zu vereinen scheinen. Die Ursprünglichkeit der Klänge und die Zeitlosigkeit der Metaphorik vereinen sich zu einem unübersichtlichen Mosaik: Das gesamte Album zu hören ist, als höre man einer Geschichte zu, einer uralten Mär, die sich wispernd immer weiter erstreckt, akustische Räume erobert, sich in verschiedene Richtungen weiterspinnen lässt.

          Sechs Jahre liegen zwischen dem Vorgänger-Album „Helplessness Blues“ und „Crack-Up“, sechs Jahre, während derer sich Frontmann Pecknold an der Columbia-Universität einschreibt, um Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft zu studieren. Während derer der Schlagzeuger Josh Tillman die Band verlässt und unter dem Namen Father John Misty eigene Alben veröffentlicht. Während derer der Indiefolk-Hype langsam mit dem Mainstream verschmilzt, der Einheitsbrei der algorithmisch programmierten Pop-Musik die Akustik-Gitarren für sich entdeckt und plötzlich überall Folkbands mit bärtigen Sängern aus der Erde sprießen, um auf der Erfolgswelle mitzujammen.

          Reaktion ist nie ein guter Motor für Kunst

          Obwohl die Fleet Foxes den Zeitgeist in ihrer Schaffenspause beobachten, greifen sie auf Altbewährtes zurück. Schon 2016 erklärte Pecknold auf der Plattform „Reddit“: „Zwischen den Jahren 2012 und 2016 wäre es kulturell ermüdend gewesen, ein Folk-Album herauszubringen. (…) Doch was sollten wir tun? Als Reaktion auf diesen Zeitgeist das Genre wechseln? (…) Reaktion ist nie ein guter Motor für Kunst. Ich will keine Musik herausbringen, die bloß das aktuelle Musikgeschehen kommentiert.“ Und die Fleet Foxes machen weiter – und sagen sich zugleich von allen zeitgeistigen Zwängen los.

          Die Folk-Welle und ihr spätes Zurückschwappen lässt Pecknold im epischen Instrumental-Stück „Third of May/Odaigahara“ Revue passieren: „Was I too slow? Did I change overnight?“, um dann gleich wieder in der Fitzgerald’schen Tradition sein Ich zu fürchten: „To be held within one’s self is deathlike, oh I know“. Die musikalische Vision auf „Crack-Up“ ist düsterer, allumfassender und weniger leicht als beim Vorgänger-Album „Helplessness Blues“. Die Neuerscheinung mutet zunächst wie ein Klangexperiment an und eröffnet dann Kräfte, die erst nach mehrmaligem Hören ihr ganzes Gewicht verdeutlichen: Die Stücke sind für sich genommen dunkel, manchmal schräg, funktionieren auch ohne einander. Doch ihre vollkommene Entfaltung erfahren sie im Gesamtkontext des Albums: „If you need to, keep time on me“, singt Robin Pecknold.

          Aus der Zeit gefallen

          Seit ihrem Debüt vor einem Jahrzehnt klingen die Fleet Foxes wie aus der Zeit gefallen. Daran hat sich glücklicherweise nichts geändert: Altehrwürdig anmutende Melodien, kristallklare Harmonien und unvergängliche Themen: Kriege und Schlachten, japanische Berge, antike Figuren und biblische Bilder. Noch immer klingt die Band zeitlos und ist es zugleich doch nicht: Ohne von einer unüberhörbaren musikalischen Tradition je losgelöst zu sein, schafft sie aus ihr heraus Neues.

          „Now a man can crack in many ways“, schrieb Fitzgerald, und auch die Fleet Foxes säen Zweifel an der Stabilität, brechen das klangliche Gerüst des Albums immer wieder auf, um am Ende auch dem Hörer zu unterbreiten: „I can tell you’ve cracked / Like a china plate“.

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