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Album der Woche : Senioren starten ins Internet

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Es pludert so schön: Die Arctic Monkeys in neuem Outfit Bild: Zackery Michael

Mit Öl auf Haar und Stimmbändern: Die Arctic Monkeys, Indierockstars der nuller Jahre, machen eine stilistische Wende und tauschen Sheffield gegen Hollywood.

          Ja nicht an den Hype um sie zu glauben, lautete die Prämisse der britischen Arctic Monkeys noch zu Beginn ihrer Karriere. Als schüchterne Schuljungen, unsicher über ihr Talent, saßen sie damals auf speckigen Interviewcouches und sprachen über den Ruhm, der sie über Nacht zur bedeutendsten Indierockband der frühen 2000er machte und den man schwor, sich nie zu Kopf steigen zu lassen. Zum Erscheinen des letzten Albums hatte man diese schüchterne Bescheidenheit gegen übersteigerte Coolness eingetauscht: Sänger und Gitarrist Alex Turner posierte mit geöltem Haar, Siegelring und Sonnenbrille und die Band lieferte auf dem Album "AM" in ungewohnt genüsslich-schläfrigem Tempo den zweifellos wichtigsten Beitrag zum „Slow Sex Movement“. Gar eine Miley Cyrus ließ sich damals zu einem Cover des Songs „Why’d You Only Call Me When You’re High?“ verleiten. Den markanten Yorkshireslang hatten sich die Arctic Monkeys schon hier lange abgewöhnt.

          Auch „Tranquility Base Hotel & Casino“, so der umfängliche Name des neuen Albums, scheint auf den ersten Blick meilenweit entfernt von ihrer englischen Heimatstadt Sheffield. Dem Rock’n’Roll der ersten vier und den HipHop-Elementen des fünften Albums wird hier außerdem ein Hauch Jazz beigemischt. Auch das Öl auf Haar und Stimmbändern ist Alex Turner geblieben. Stilistisch unterscheiden sich die Songs kaum voneinander, jedoch verbindet sie ein gemeinsames Thema: ein futuristisches, postapokalyptisches Amerika.

          Die Aufnahme des Albums in Los Angeles hat demnach ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur in bizarren Songs wie „The World’s First Ever Monstertruck Front Flip“ und “American Sports”, sondern auch in Zeilen wie „I’m gonna run for government“ spiegelt sich amerikanisches Selbstbewusstsein.

          Auch „Star Treatment“, der stolze sechsminütige Aufmacher des neuen Albums, könnte mit seinem Sixties-Sound nicht weniger an Hollywood erinnern. Nicht nur Turners ambitioniert-melancholischer Sprechgesang lässt hier das im Albumtitel genannte „Tranquility Base Hotel & Casino“ mit dem „Heartbreak Hotel“ verschmelzen. Auch Textpassagen wie „Maybe I was a little too wild in the 70s/…/Karate bandana/…/Love came in a bottle with a twist off cap” oder „From the honeymoon suite/Two shows a day, four nights a week/Easy money” stützen diese Assoziation.

          Alex Turner, der sich bei Erscheinen von „AM” selbst noch als junger Elvis inszenierte, suhlt sich hier nun im Selbstmitleid des zu fallen drohenden Showstars, der, sich vor Kritiken fürchtend, um „Four stars out of five“ bangt. Sein Erfolg in einer Szene, die ihm schon mit knapp zwanzig Jahren zuwider war, ist ihm bewusst („I'm a big name in deep space”). Teilweise wirkt das Album daher wie eine Rechtfertigung seiner musikalischen Entwicklung und eine Entschuldigung an die Fans der ersten Stunde: „I’ve done some things I shouldn’t have done/But I haven’t stopped loving you once“, heißt es in „The Ultracheese“, das sein im Titel enthaltenes Versprechen einlöst. Für das Internet, das den Arctic Monkeys zum Erfolg verhalf, hat die Band nicht mehr als ein pessimistisches Ächzen übrig: „No one’s on the streets/We moved it all online“.

          Bei genauem Hinhören sind die Ursprünge der Band noch deutlich zu erkennen. Die Tanzfläche von Sheffields Highschoolclub vermischt sich hier lediglich mit Science-Fiction-Elementen und gewohnt zynischer (Endzeit)Stimmung: „Look, you could meet someone you like during the meteor strike“. Neu sind die scheinbar willkürlich eingesetzten Zwischenrufe wie „Bukowski”, „Cheeseburger” und „Snowboarding” in „She Looks Like Fun“, die an die absurd-komische Nonsenspoesie von Sparks erinnern.

          „Tranquility Base Hotel & Casino“ beginnt mit dem Wunsch, doch lieber „einer von den Strokes zu sein“. Ob man sich hier ähnlich hätte ausprobieren können, bleibt fraglich. Am Ende kann man froh sein, dass Alex Turner nicht zu den Strokes gehört. Ein leicht sonderbares, gereiftes, etwas gewöhnungsbedürftiges und doch überzeugendes Album wäre uns entgangen.

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