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Album der Woche : Die Jägerin hat eine Mission

  • -Aktualisiert am

Jägerin und Gejagte zugleich: Anna Calvi Bild: Maisie Cousins

Die britische Sängerin und Gitarristin Anna Calvi spielt auf ihrem neuen Album „Hunter“ mit Geschlechteridentitäten und entwirft eine queere Utopie. Auf die Zwischentöne kommt es an.

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          Nicht kleckern, sondern klotzen. Ein Manifest muss es schon sein. Was zählt, ist die große Geste, eine Botschaft an alle da draußen, die das Leben in allzu simple Kategorien ordnen. Die ersten beiden Studioalben der britischen Songwriterin waren für den Mercury Prize nominiert. Sie zeichneten sich aus durch das große Seelendrama und den ebenso großen Stilwillen, durch Theaterdonner und avantgardistische Fisimatenten. Wo das herkommt? Anna Calvis italienischer Vater machte sie nicht nur mit der Musik von Captain Beefheart und den Rolling Stones bekannt, auch Maria Callas erklang in den heimischen vier Wänden.

          Mit sechs bekam Calvi Geigenunterricht, mit acht lernte sie dann Gitarre. Sie schwärmte für Django Reinhardt und Jimi Hendrix genauso wie für Messiaen, Ravel und Debussy. Viele Jahre später komponierte sie die Musik für die Oper „The Sandman“, die unter der Regie von Robert Wilson im Rahmen der Ruhrfestspiele in Recklinghausen 2017 uraufgeführt wurde. Und mit David Byrne, seit Talking Heads-Zeiten ein musikalischer Grenzgänger, hat sie eine Platte aufgenommen. Ihrem Idol David Bowie, der nie um ein Verwirrspiel um seine sexuelle Identität und die Geschlechterrollen verlegen war, huldigte die Sängerin und Gitarristin gleich mehrfach. Sie spielt übrigens ausgezeichnet Gitarre, hat den Kontrollverlust unter Kontrolle. Rockmusik im engeren Sinne macht sie nicht.

          Calvis neues Album, das „Hunter“ heißt, sei nun also ein queeres Manifest, erklärt sie, und es wird von einem solchen begleitet. Darin heißt es, dass es darum gehe, weiblich und männlich zu sein, verletzlich und stark, die Gejagte und die Jägerin in einer Person. Darum, mehr zu wollen – sexuelle Freiheit, Intimität, Geborgenheit – und auch darum, in all dem Schlamassel die Schönheit zu entdecken. Es handele davon, gegen das eigene Außenseiterdasein anzukämpfen, um irgendwo anzukommen und die umstürzlerischen Seiten der Sexualität zu entdecken, was weitergehe als das, was von einer Frau üblicherweise in einer patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft erwartet werde. Das alles und noch viel mehr.

          Mit solchen Ansprüchen an sich selbst und ihre Kunst hat Anna Calvi die Fallhöhe enorm erhöht. Sie geht ins Risiko. Doch von nichts kommt nichts. Und lautete nicht schon immer eines der zentralen Versprechen der Popmusik, dass man eben doch alles haben kann, und zwar jetzt?

          Gefahr und Zärtlichkeit

          Das Thema der Geschlechtsidentität treibt Calvi schon eine Weile um. Bereits auf ihrem Debütalbum fand sich ein Lied namens „I’ll Be Your Man“. Auf „Hunter“, für das sie in Adrian Utley von Portishead am Keyboard und Martyn Casey von Nick Caves Begleitband The Bad Seeds am Bass prominente Unterstützung fand, tritt es jetzt offen und vielfältig zutage. Die vorab veröffentlichte Single dazu, „Don't Beat The Girl Out Of My Boy“, flankiert von einem erotisch aufgeladenen Video, gibt die Marschrichtung vor: der Hintergrundgesang flatterhaft, die Gitarre dunkel und hallend, Calvis Stimme kraftvoll und selbstsicher. Ein geduldiger Spannungsaufbau bis zum Crescendo. Schmelz und Schwulst halten sich die Waage. Dem Song gelingt es, Gefahr und Zärtlichkeit zugleich auszustrahlen, Stärke und Verwundbarkeit. So wie es der Titelsong, der problemlos eine Folge „Twin Peaks“ untermalen könnte, andeutet: „I dress myself in leather / With flowers in my hair”. Soll noch mal jemand behaupten, man könnte nicht gleichzeitig Rockerin und Hippie sein.

          In „As A Man“, dem theatralischen, reichlich verzierten Auftakt des Albums, beginnt Calvi ihr Rollenspiel: „If I was a man in all but my body / Oh would I now understand you completely“. Um das Bäumchen wechsle dich der Geschlechter mit „Chain“ zu einem schwelgerischen, utopischen Ende ohne Interpunktion zu denken: „I’ll be the boy you be the girl I’ll be the girl you be the boy I’ll be the girl“. Es gilt also, Zuschreibungen und Klischees zu durchbrechen. Die Frau ist nicht das schwache Geschlecht, der Mann schon gar nicht das starke. Beide sind immer beides, wandelbar und nicht unumstößlich zu definieren. Und die Zwischenräume machen die ganze Chose interessant – auch in der Musik. Am deutlichsten wird das mit dem unbeirrbar voranschreitenden, an- und abschwellenden Song „Indies or Paradise“, der von einem herrlich unsauberen Gitarrensolo in zwei Teile gerissen wird. Und plötzlich ist da Luft zum Atmen.

          „Hunter“ ist ein Album, das zwischen Feierlichkeit und Anrüchigkeit, zwischen Feinsinn und Grobheit changiert. Es strebt nach Höherem, lässt das Profane und Schmutzige, das mit der Körperlichkeit und dem Begehren einhergeht, indes nicht außer Acht. Calvi hat für ihre ambitionierten Ziele eine geeignete Form gefunden, getragen von einer originellen Instrumentierung und halbschattigen Rhythmen und Melodien. Sie barmt und seufzt, keucht und heult im Dienste ihrer Mission. Junge, Junge! Über sich hinauszuwachsen, ist eine Kunst für sich. Schön, wenn man dabei zuhören darf.

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